mit Bezug zu: Grenzbegriffe "Indien", "Orient", "Nominalismusproblem", Syrien 2011ff., "Protokolle", "Sacred Books of the East", Paris: Editions L'Harmattan (Christoph Wolter: "Jean Cocteau et l'Allemagne", 2007; East Orange, NJ: Just Us Books → New York: Africana Publishing Corporation → Mango Beti: "Dictionnaire de la négritude", with Odile Tobner, 1989)
"Religiöser Fundamentalismus* ist ein Begriff, der in Anlehnung an eine amerikanisch-protestantische Selbstbezeichnung aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts als Fremdbezeichnung zunächst auf die revolutionären schiitischen Gruppen, die 1979 unter der Führung Khomeinis den Schah in Iran gestürzt haben, angewendet, dann auf andere islamische radikale Gruppierungen wie die Moslembrüder in Ägypten oder die Leute vom FIS (Front Islamique du Salut) in Algerien übertragen und schließlich als weltweites Phänomen in nahezu allen Religionen der Welt diagnostiziert wurde. Auf diese Weise wurden recht unterschiedliche Vorstellungen und Kritikpunkte zum einheitlichen Ablehnungstrend westlicher Ideen und Ideale im Namen der Religion hochstilisiert. Was folglich als breit angelegte Kritik an den Kritikern des westlichen Einflusses gedacht war, wurde bald von den so Bezeichneten selbst aufgegriffen und übernommen mit einem doppelten Effekt: sie lernten ihre Kritikpunkte als Ausdruck eines weltweiten Gegentrendes zu begreifen und sich selbst dadurch bedeutsamer einzuschätzen als zu der Zeit, als sie ihre Kritik nur als regionalen bzw. oft sogar lokalen Protest gegen tatsächliche oder vermeintliche Fehlentwicklungen äußerten; sie übersetzten bei der Übernahme des Begriffes Fundamentalismus als Eigenbezeichnung diesen in ihre jeweiligen Nationalsprachen und schufen dadurch eine neue Wirklichkeit mit ihr eigenen Entwicklungsmöglichkeiten. Im Falle des Arabischen wirkte sich dies so aus, dass 'Fundamentalismus' ganz wörtlich mit 'uṣūliyya' übersetzt wurde und folglich einen -ismus bezeichnet, der aus den 'uṣūl' ('Wurzeln, Fundamenten') gebildet wurde. Diese Wortbildung hatte aber einen Nebeneffekt. Die Form erinnert im Zusammenhang mit Religion unwillkürlich an die 'uṣūl a[d]-dīn [arabisch أصول الدين]' ('Die Fundamente der Religion') und bezieht sich damit auf den klassischen Titel, den viele große islamische Theologen im Mittelalter ihren Abhandlungen islamischer Theologie gegeben haben.
Der Begriff ist somit sehr positiv besetzt und die Assoziationen wirken derart, dass eigentlich niemand guten Gewissens ablehnen kann, in diesem Sinne zu den 'uṣūl' der Religion zu stehen, so dass die Frage, ob man für diesen Fundamentalismus ist, nur bejaht werden kann, wenn man sich nicht gleich dem Vorwurf, ungläubig zu sein, aussetzen will".
[ Anmerkungen. annotations. remarques. notes ]
* [Anm. 4:] "Vgl. zum folgenden Jacques Locquin: L’Intégrisme islamique. Mythe ou réalité?, Paris [: Editions l'Harmattan] 1997**; Peter Antes: Religiöser Fundamentalismus, in Uwe Hartmann und Christian Walther (Hrsg.): Der Soldat in einer Welt im Wandel. Ein Handbuch für Theorie und Praxis. Mit einem Vorwort von Bundespräsident Roman Herzog, München – Landsberg am Lech 1995 S. 54-60; Fundamentalismus der Moderne? Christen und Muslime im Dialog, hrsg. von Sybille Fritsch-Oppermann, Dokumentation eines Kolloquiums der Evangelischen Akademie Loccum vom 17. bis 19. September 1993, Loccum 1. und 2. Aufl. 1996 (Reihe: Loccumer Protokolle, hrsg. von der Ev. Akademie Loccum 57/94) und Friedemann Büttner: Der fundamentalistische Impuls und die Herausforderung der Moderne, in Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft 24. Jahrg. (1996) S. 469-492".
** Jacques Locquin: "L'Intégrisme islamique. Mythe ou réalité?", Paris: Editions l'Harmattan 1997, Rückentext, texte tiré de la tranche du livre:
"Ce que les médias appellent le péril vert est-il une réalité ou un mythe ? Qu'est-ce que l'intégrisme, comment est-il derrière le terrorisme, quelle menace représente-t-il pour l'Occident et comment développer les relations entre l'Islam, la France et l'Occident au moment où se multiplient les incompréhensions, les fantasmes, les surenchères nés de l'ignorance » condamnés par le Président de la République lors de son voyage en Orient.
Autant de questions auxquelles cet ouvrage essaye d'apporter les réponses afin de permettre à ses lecteurs de suivre les luttes qui, au sein du monde musulman opposent les integristes théocrates aux espoirs démocratiques de l'énorme majorité des musulmans.
Jacques Locquin, après avoir été longtemps grand reporter au Moyen Orient, en Asie et à Pékin, a joué un rôle important dans les négociations entre la France et le FLN qui ont abouti aux accords d'Evian Depuis, it suit, pas à pas les pro grès de l'Islam dans le monde".
Übersetzung: "Ist das, was die Medien als 'grüne Gefahr' bezeichnen, Realität oder Mythos? Was ist Fundamentalismus [l'intégrisme, eine 'fundamentalistische' Strömung innerhalb der katholischen Kirche, gebräuchlicher wurde später fondamentalisme, Anm.]? Welche Rolle spielt er beim Terrorismus, und welche Bedrohung stellt er für den Westen dar? Wie lassen sich zudem die Beziehungen zwischen dem Islam, Frankreich und dem Westen gestalten in einer Zeit, in der Missverständnisse, Fehlvorstellungen und aus Unwissenheit geborene hetzerische Rhetorik – all dies vom Staatspräsidenten während seiner Reise in den Osten verurteilt – um sich greifen?
So viele Fragen, auf die dieses Werk Antworten zu geben versucht, um seinen Lesern die Möglichkeit zu geben, die Kämpfe zu verfolgen, die in der muslimischen Welt theokratische Fundamentalisten gegen die demokratischen Hoffnungen der großen Mehrheit der Muslime antreten lassen.
Jacques Locquin, der viele Jahre als leitender Korrespondent im Nahen Osten, in Asien und in Peking tätig war, spielte eine wichtige Rolle bei den Verhandlungen zwischen Frankreich und der FLN, die zu den Abkommen von Évian führten. Seitdem verfolgt er die Entwicklung des Islam weltweit Schritt für Schritt".
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