mit Bezug zu: Indien-Orient, Aragon
Aron Rodrigue: "Der Balkan vom 15. bis zum 20. Jahrhundert", übersetzt von Eva-Maria Ziege, in: "Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa", hrsg. von Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps, Hiltrud Wallenborn, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012, Band 1 "Länder und Regionen", S. 296-324:
S. 298f.: "Man kann zwei Migrationswellen der sefardischen Juden in den Balkan unterscheiden. Die erste dieser Wellen bestand aus den 1492 aus Spanien Vertriebenen und den Juden, denen es nach den Zwangskonversionen in Portugal 1497 gelungen war, das Land zu verlassen. Viele von ihnen gingen nicht gleich in das Osmanische Reich, sondern blieben einige Jahre in verschiedenen Teilen Italiens, bevor sie allmählich weiter nach Osten zogen, entweder von der adriatischen Küste auf dem Landweg in Richtung Balkan und Kleinasien oder auf dem Seeweg in die größten der osmanischen Hafenstädte. Die zweite Welle, die wesentlicher schwächer war, bestand aus Conversos, die vor allem aus Portugal kamen. Diese Migrationswelle setzte ein, nachdem die Inquisition dort 1547 endgültig Fuß gefaßt hatte, und sollte bis weit in das 17. Jh. hinein nicht ganz verebben. Die Route der Conversos, die oft der ersten Welle über das Mittelmeer folgte, verlief jedoch weniger direkt und führte unter anderem sogar über die Spanischen Niederlande. [...]
Durch die beschriebene Einwanderungsbewegung sowie eine Binnenmigration innerhalb des Osmanischen Reichs - so gab es z. B. im späten 16. Jh. einen größeren Zustrom von Juden aus Saloniki nach Izmir (Smyrna) in Kleinasien - bildete sich schließlich das neue sefardische Siedlungsgebiet im Osmanischen Reich heraus. Vier bedeutende Städte, Istanbul, Irmit, Saloniki und Edirne (Adrianopel), wurden zu Eckpunkten von Achsen, um die sich, entlang der wichtigen Handelsstraßen der Region, kleinere Satellitengemeinden gruppierten. Die Gemeinden von Sarajevo, Monastir (Bitola) und Üsküb (Skopje) bildeten Bindeglieder zwischen den Juden Salonikis und dem adriatischen Raum und Venedig. In Philippopel, Sofia, Nikopolis und Widin säumten jüdische Siedlungen die Handelsroute von Istanbul über Edirne bis zum Donaubecken und von dort gen Westen bis nach Mitteleuropa und gen Norden bis nach Polen. Izmir bildete den End- und Knotenpunkt aller großen Handelsstraßen von Asien bis Anatolien, und die Gemeinden von Aidin, Tire, Manisa und Bergama hatten in diesem bedeutenden Handelszentrum ihren Mittelpunkt. Obwohl sefardische Juden sich schließlich auch in Safed, einer kleinen Stadt in Obergaliläa, die sich seit dem 15. Jh. zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Mystik entwickelte, sowie in Jerusalem, Aleppo, Damaskus, Kairo und Alexandria niederlassen sollten, lag der Siedlungsschwerpunkt der sefardischen Juden in der Levante doch in den genannten vier Städten und deren Hinterland. Mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung der Balkanregion lebte in den drei Städten Saloniki, Edirne und Istanbul".
S. 300: "Im späten 16. und frühen 17. Jh. gewannen die Sefarden schließlich die Oberhand über die Romanioten [Juden*Jüdinnen aus dem oströmischen Byzantinischen Reich], so daß bei letzteren ein Prozeß der Judeo-Hispanisierung einsetzte. Mit Ausnahme weniger isolierte Zentren wie Janina in Epeiros erfolgte schließlich eine vollstädige Assimilation an die zahlenmäßig überlegene Gruppe der Sefarden [...]".
S. 303: "Im Jahr 1493 gründeten Sefarden in Istanbul die erste Buchdruckerei des Osmanischen Reiches. Istanbul, Saloniki und Edirne [Adrianopel] entwickelten sich zu herausragenden Standorten des hebräischen Buchdrucks. Mit Safed wurden sie schließlich zu den wichtigsten Zentren jüdischen Geisteslebens und jüdischer Gelehrsamkeit, in denen sich bedeutende Jeschiwot und Talmud-Tora-Schulen entfalteten. [...] Josef Karo ging nach Safed, nachdem er in Istanbul, Edirne, Nikopolis und Saloniki gelehrt hatte, und schrieb den Schulchan Aruch (Der gedeckte Tisch) [Erstausgabe Venedig 1565], das bedeutende Gesetzeswerk, das für die jüdischen Gemeinden des Osmanischen Reichs und ganz Europas zu einem allgemein anerkannten Kodex wurde. Auch das kabbalistische Denken gewann zunehmend an Einfluß, vor allem in Safed, wo Mose Cordoverso, Salomo Alkabez, Isaak Luria und Chajim Vital lernten und lehrten".
S. 304: "Im 17. Jh. nahm die Einwanderung der Conversos in das Osmanische Reich stark ab, denn neue Handelszentren wie Amsterdam, London und Hamburg, um die sich die aufstrebende atlantische Wirtschaft zentrierte, wurden zu immer stärkeren Anziehungspunkten [...]".
S. 313: "Die erste jüdischspanische Zeitung von Saloniki, El Lunar, wurde 1865 von Juda Nehama gegründet. Darauf folgte die über lange Jahre erscheinende La Epoka von Saadi Bezalel Halevy, dessen Sohn Sam Levy außerdem die bedeutendste französische Zeitung der Stadt, Le Journal de Salonique, herausgab. In der Folge wurden zahlreiche jüdische Zeitungen, überwiegend in Jüdischspanisch, publiziert. Diese Zeitungen waren wie überall in der Welt der Sefarden ein wichtiges Medium zur Verbreitung neuer Ideen, das die Entfaltung neuer literarischer Genres wie des Romans und der Novelle förderte, die in den Feuilletons ein erstes Publikationsforum fanden. [...] Westliche Dramatiker wie Molière und Shakespeare wurden übersetzt und Originalstücke zu biblischen und anderen Themen von jüdischspanischen Autoren wie Abraham Galante, Schabetei Hosef Gaen, Jakim Behar und Abraham Aharon Kapon verfaßt. Autoren wie Isaak Florentin, Alexnader ben Giat und Elia Karmona übersetzten und adaptierten neben ihren eigenen Werken Hunderte von europäischen Romanen und Novellen in das Jüdischspanische".
S. 324, Schlusssatz: "[...] Den sefardischen Balkan gibt es nicht mehr."
Register der Überlieferung der Übersetzungen bis 1950
Personenregister (Übersetzungen etc.)
Adressregister
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