Anna Schor-Tschudnowskaja: "Doppeldenken als soziale adaptive Strategie", bpb.de, 11.01.2025

mit Bezug zu: Berlin / Moskau: Mopr-Verlag, "Bloomsbury Group": George Orwell

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"Bekanntlich wurde das englische Wort 'Doublethink' aus dem 1949 erschienen Roman '1984' zunächst als 'Zwiedenken' übersetzt, erst später setzte sich dafür das deutsche Wort 'Doppeldenk' durch [Anm. 5: 'Schwarz ist Weiß. ›Doppeldenk‹ statt ›Zwiedenken‹. Das Buch des Jahres, George Orwells ’1984‹, erscheint in einer neuen Übersetzung [von Michael Walter, Berlin: Ullstein]', "Der Spiegel", 05. Februar 1984, Nr. 6/1984] In einer älteren deutschen Übersetzung [Diana-Verlag] beschreibt Orwell diesen Zustand folgendermaßen:

'Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewußt zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, daß sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm; zu glauben, Demokratie sei unmöglich, die Partei jedoch die Hüterin der Demokratie; zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf erneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewußt die Unbewußtheit vorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewußt zu werden.' [Anm. 6: George Orwell, Neunzehnhundertvierundachtzig, Zürich 1973, ins Deutsche übertragen von Kurt Wagenseil, hier S. 55.]

Doppeldenk bei Orwell ist damit eine radikale Veränderung der menschlichen Kognition, eine totale Kontrolle von Erinnern, Aufmerksamkeit, Denken, sprich: des gesamten Bewusstseins. Es versteht sich von selbst, dass diese absolute Plastizität des Bewusstseins und seine totale Kontrollierbarkeit eine Hyperbel ist. Diese Hyperbel stiftete allerdings zahlreiche intellektuelle und theoretische Bemühungen um das Verständnis dessen, was mit Menschen unter den Bedingungen einer totalitären oder autoritären Herrschaft geschieht. Auch [Lev] Gudkov greift diese Hyperbel auf, widerspricht allerdings genau der Vorstellung, Doppeldenken sei das Resultat eines Hypnoseakts, eine Art Trancezustand oder schizophrene Bewusstlosigkeit.

Im Gegenteil: Für [Lev] Gudkov ist Doppeldenken eine durchaus nüchterne, adaptive Strategie, und zwar nicht nur die der Herrschenden. Sie basiert auf der dominierenden Art der sozialen Beziehungen, die durch grassierende Machtwillkür gekennzeichnet sind. Das gesellschaftliche Doppeldenken nach Gudkov kennt also keine Hypnotiseure, sondern erfasst alle, Beherrschten wie die Herrschenden, gleichermaßen.

Gudkov widerspricht Orwell auch darin, dass das Doppeldenken die Fähigkeit bedeute, zwei sich ausschließende Meinungen gleichzeitig und aufrichtig zu vertreten. Beinah kann man sagen, dass das Doppeldenken ein eher ungünstiger Begriff für das ist, was Gudkov meint. Denn es geht ihm nicht um das Denken, sondern um soziales Handeln, um gesellschaftlich dominante Beziehungsmuster und soziale Institutionen. In verschiedenen Texten bemüht er sich um begriffliche Klärung dessen, was er als zentrale Merkmale der gegenwärtigen russländischen Gesellschaft erkennt. Den historischen Kontext für seine Bemühungen stellen postutopische Enttäuschungen über zuversichtliche Idealen und Zukunftserwartungen, Konformismus als soziale Praxis innerhalb einer dauerhaft autoritären Herrschaftsstruktur und das Geschehenlassen von Gewalt (oder anders formuliert: Gewalt, die keinen Widerstand hervorruft) dar. Aus diesem Kontext heraus formuliert nun Gudkov seine idealtypische Konstruktion:

'Das ist ein Mensch, der sich mit dem Staat identifiziert, ein Imperialist, der zugleich aber auch versteht, dass der Staat ihn beständig betrügt und ausbeutet, dass der Staat ein System von Gewalt ist und dass man daher der Kontrolle seitens des Staates ausweichen muss. Das ist ein listiger, doppeldenkender Mensch, er ist ständig auf der Hut, denn sein ganzes Leben wird von Zwang und Gewalt geprägt'

[Anm. 7: Lev Gudkov: 'Dlja tscheloveka sovetskogo nikakoj morali ne suschtschestwujet' = 'Für den Sowjetmenschen gibt es keine Moral', Auszug aus einem Runden Tisch am 16.04.2019, levada.ru/2019/04/22/dlya-cheloveka-sovetskogo-nikakoj-morali-ne-sushhestvuet; Anm. 8: Zur Werteproblematik und den Begriffen 'Moral' und 'Amoralismus' bei Gudkov siehe Anna Schor-Tschudnowskaja: 'Lev Gudkovs antiautoritäre Soziologie einer dauerhaft autoritären Gesellschaft', in: Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 2/2024, S. 97-120; Anm. 12: Vgl. Lev Gudkov: 'Negatiwnaja identitschnost' = 'Negative Identität', Moskwa: Nowoe literaturnoe obosrenie 2004]".

Anna Schor-Tschudnowskaja: "Doppeldenken als soziale adaptive Strategie", in: "Deutschland Archiv", 11.1.2025, bpb.de/558322. Fig.: "Anuncio de ascensores Otis Pifre y tubos neumáticos Lamson" (Werbung für Otis Pifre Aufzüge und Lamson Rohrpost), July 1930.

 

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