"Rationale Methode"

mit Bezug zu: "Les Lumières", Jean-Jacques Rousseau → "der ästhetische Schein der kleinen und großen Robinsonaden" (MEW 13, 615) → "Warenform"

In English: Short Introduction | En français: Brève introduction | Magyarul: rövid bevezető | På svenska: Kort introduktion | краткое введение | In italiano: Breve introduzione | En español: Breve introducción

 

"Rationale Methode. Eigentlich meint die Methode des rationalen Schließens die Regeln, nach denen ein logisches Kalkül gültig ist. Es geht also darum, wie argumentiert wird, nicht welche Inhalte verhandelt werden. Dennoch hat sich eine Rede von der 'Irrationalität' etabliert, welche gerade bestimmte Inhalte meint. Dabei können auch solche Inhalte zum Gegenstand von Prämissen werden, die als vorgegebene Sätze der Ausgangspunkt eines logischen Schließens auf andere Sätze darstellen. Was aber in den Prämissen steht, ist vorausgesetzt und eben gerade nicht Resultat der rationalen Methode. Damit ist es aber auch noch nicht irrational im engen Sinn. Das kann erst über Folgesätze gesagt werden, die mittels einer Methode, die gerade kein gültiges logisches Verfahren darstellt, ermittelt worden sind. Während etwa 'Kunstwerke haben einen Urheber' und 'Die Mona Lisa ist ein Kunstwerk' als Prämissen den einfachen Schluss zulassen, dass auch die 'Mona Lisa' einen Urheber hat, mag eine alternative zweite Prämisse 'Die Natur ist ein Kunstwerk' zwar mit dem Ergebnis, sie müsse einen Urheber haben, daherkommen, aber damit ist gerade kein Gottesbeweis gelungen, sondern diese vorgegebene zweite Prämisse enthält bereits etwas, was man empirisch weder falsifizieren noch verifizieren kann. Diese wiederum experimentelle Methode ist im übrigen etwas völlig Anderes als die der Logik entlehnte rationale Methode. Einer experimentellen Überprüfung entzieht sich allerdings auch die erste Prämisse 'Kunstwerke haben einen Urheber', da es sich um eine Bestimmung a priori handelt: Kunstwerke sind per definitionem solche Dinge, die einen Urheber haben. Der Satz 'Kunstwerke sind grün' dagegen lässt sich leicht falsifizieren, und wenn man dann eben ein rotes Kunstwerk malt. Aber schließe ich nun aus diesem Satz und dem zweiten Satz 'Die Natur ist ein Kunstwerk' darauf, dass die Natur 'grün' sei, dann ist das also ein formal gültiges rational-logisches Kalkül, obwohl einer der Ausgangssätze naturwissenschaftlich widerlegbar ist (und trotzdem kommt scheinbar ein stimmiges Ergebnis raus). Dass dennoch experimentelle Methode und die rationale Methode logischen Schließens heute im populären Sprachgebrauch nicht unterschieden werden, sondern eher die Ergebnisse historischer Auseinandersetzungen als 'rational' oder 'irrational' erinnert werden, hängt damit zusammen, dass Philosophie heute nicht mehr den Stellenwert in der Gesellschaft hat wie noch um 1800. Schließlich gibt es durchaus die Möglichkeit Sätze aus anderen Sätzen zu erschließen, welche auf fehlerhaften logischen Kalkülen aufbauen oder statt logischen Regeln werden assoziative Ansätze gewählt. Etwa weil eine Pflanze aussieht wie ein Herz, sei sie auch als Medizin in Herzensangelegenheiten geeignet. René Descartes und dem 17. Jahrhundert wird zumeist das Paradigma eines kritischen Rationalismus zugeschrieben. Innerhalb der Aufklärungsdebatten führte der Streit in Auseinandersetzung mit gerade den theologischen und magisch-esoterischen Sätzen dazu, das eine oder andere fehlerhafte Kalkül aufzuzeigen (und damit im Resultat den Abstraktionsgrad religiöser Anschauungen zu steigern und magisches bzw. assoziatives Denken in Tendenz eher verächtlich erscheinen zu lassen). Auf höherer Ebene können aber auch die Philosophien der Aufklärer selbst wiederum fehlerhafte logische Kalküle enthalten, wie etwa bei Jean-Jacques Rousseau: Begriffe wie 'Natur' werden zweifach definiert und, obwohl die beiden verschiedenen Begriffe einer 'Natur' sich gegenseitig ausschließen, können sie, da sie in den verwendeten Sätzen ununterscheidbar sind, logische Schlüsse erlauben, die nicht möglich wären, hätte Rousseau zwei unterschiedliche Wörter benutzt. Ein modernes Beispiel für Kalküle, welche logische Fehler mit assoziativ-magischen Schlüssen kombinieren, sind Verschwörungsmythen. Auch hier gilt, ein rational-logisches Kalkül, das eine Verschwörung — etwa im Maßstab des Umfanges der Mörder eines Julius Cäsar — dann sogar nachweist, ist möglich, aber das, was empirisch an Verschwörungsmythen vorhanden ist, muss gegen diese Regeln verstoßen, um den Weltmaßstab einer grundsätzlichen (antisemitischen) Interpretation politischer Verhältnisse zu erreichen".

Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst REMID e.V., "Von Agnostizismus bis Säkular: Eine Zusammenstellung zu nichtreligiösen Weltanschauungen", Marburg, 2. November 2018 [ remid.de ].

 

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