Samuel Salzborn: "Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne"

mit Bezug zu: Baruch de Spinoza, Jean Améry, Jean-Paul Sartre, Moishe Postone, IHRA: Definition 2016 (Analysen), New York: Alfred A. Knopf (Sigmund Freud), Berlin / Teetz / Leipzig: Hentrich & Hentrich, Grenzbegriffe "Indien", "Orient" (Laktanz, Cicero), "Nominalismusproblem", Berlin: Merve (Theodor W. Adorno: "Psychoanalyse und Soziologie. Zwei Aufsätze", 1971), Marburg (Gnosis), Hamburg: MaD → Hamburg: Artikel 19 (Salman Rushdie: "Die satanischen Verse", 1989), Freiburg / Wien: Ça ira-Verlag, "Sacred Books of the East"

 

Samuel Salzborn: "Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich", Frankfurt am Main / New York: Campus 2010, S. 332f.

 

"'[...] Und endlich das späteste Motiv dieser Reihe, man sollte nicht vergessen, daß alle diese Völker, die sich heute im Judenhaß hervortun, erst in späthistorischens Zeiten Christen geworden sind, oft durch blutigen Zwang dazu getrieben. Ma könnte sagen, sie sind alle ›schlecht getauft‹, unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Polytheismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen die neue, ihnen aufgedrungene Religion nicht überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle verschoben, von der das Christentum zu ihnen kam.' (Freud 1939*: 197f.).

Der jüdische Monotheismus hat im Unterschied zu prägenital gefärbten heidnischen Religionen, die aus schützenden, vor allem mütterlichen Gottheiten bestanden, durch die Besetzung des Vaters als Objekt die Religion verfinstert und ihrer mütterlichen Wärme beraubt. Die stärkere Einbeziehung des mütterlichen Elements wiederum im Christentum, in dem der Sohn die Mutter wieder gefunden hat, hat schließlich zur Entfachung eines jüdisch-christlichen Konflikts im Unbewussten geführt. Andreas Peham (2004**: 5) hat das jüdisch-christliche Verhältnis aus theologisch-psychoanalytischer Perspektive zusammengefasst:

'Die Entwicklung zum Monotheismus, zur Vorstellung einer einzigen, abstrakten Gottes, der als Vater-Imago liebende und strafende Anteile in sich vereint, lässt sich in Analogie zur Ontogenese auch begreifen als ›Entwicklung von der eingeschränkten Wahrnehmung von Partialobjekten hin zur Fähigkeit der Wahrnehmung des ganzheitlichen Objekts. Nun besteht keine Notwendigkeit mehr, die aggressiv-destruktiven Anteile abzuspalten und nach außen zu projizieren (paranoid-schizoide Position). Vielmehr werden diese Anteile integriert, die widersprüchlichen Gefühle an einem inneren Objekt, das auch böse sein und gehasst werden kann, erfahren. Der Preis für diese Entdämonisierung der äußeren Welt ist der Ambivalenzkonflikt (depressive Position). Auf der Ebene der Gottesvorstellung bedeutet die christliche Etablierung einer vollkommen guten und liebenden Imago, welche der narzisstischen Ur-Mutter entspricht, die Rückkehr der Notwendigkeit zur Abspaltung und Projektion. Der Antisemitismus erscheint nun überdeterminiert: Einerseits erweist er sich als ein Hass auf jene, die am Ritual der Entlastung aus der paranoid-schizoiden Position nicht teilnehmen, denn sie werden als Bedrohung wahrgenommen, die an dem Sinn dieser Entlastung Zweifel entstehen lassen. Andererseits ist er Projektion jener negativen oder analen Anteile, die nicht integriert werden können. Mit dem christlichen Gott betrat der jüdische Teufel die Weltbühne, der Narzissmus der Reinheit ist nur zu haben mit der Projektion des Unreinen, der Analität.'

Das Christentum, das sich quasi als junges Geschwister des Judentums ebenfalls eine monotheistische Weltauffassung gab, hat die einschneidende narzisstische Kränkung durch das Judentum - das dem Menschen die Illusion genommen hatte, Gott sein zu können (vgl. Grunberger/Dessuant 1997***: 262 u. 300) - nicht reflektiert, wobei Antisemit(inn)en sich nicht mit dem strengen Gesetz, das nach der (symbolischen) Ermordung des Ur-Vaters angenommen wurde, identifizieren, sondern mit dem Vater selbst; sie haben nicht die abstrakte, strenge Gleichheit verinnerlicht, sondern die konkrete Macht und die mit dieser verbundene autoritäre Willküroption".****/6

 

[ Anmerkungen. annotations. remarques ]

* Sigmund Freud: "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", Amsterdam: De Lange 1939. Der Religionswissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann schreibt die Gewalt dem Monotheismus selbst zu, nicht dem Ressentiment ihm gegenüber im Medium eines regressiv radikalisierten Dualismus ("Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur", München: Hanser 1998; "Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus", München: Hanser 2003; "Exodus. Die Revolution der Alten Welt", München: Beck 2015). Dabei muss aber die Entstehung des jüdischen Monotheismus in einen stärker reduktionistischen Vergleich gebracht werden mit der henotheistischen Zuspitzung ägyptischer Religion unter Echnaton bzw. Amenhotep IV. im monolatrischen Aton-Kult, auch stärker als bei der bzw. gegen die Darstellung durch Freud. Assmann hofft auf einen in Spuren der Hermetik überdauernden westlichen "Polytheismus" - ähnlich ausgestaltet wie bei dem "fröhliche Wissenschaft" betreibenden "Zarathustra" im Werk Friedrich Nietzsches ("Die fröhliche Wissenschaft", Chemnitz: Schmeitzner 1882; "Also sprach Zarathustra", Chemnitz: Schmeitzner 1883-1891). Nietzsches "Zarathustra" "will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch" (Band 1, deutschestextarchiv.de, S. 20).

Die Perspektive der Verfolgung bzw. eine Theorie des Antisemitismus fallen bei Jan Assmann weg. Seine Frau Aleida Assmann, die zu Erinnerungskultur publiziert (z.B. mit Geoffrey Hartman: "Die Zukunft der Erinnerung und der Holocaust", Konstanz: Konstanz University Press 2012), verteidigt nicht nur Achille Mbembe im sogenannten "neuen Historikerstreit", in der Berliner Zeitung, "Gegen ein Klima des Verdachts", 03.05.2020, sondern gehörte zur Steuerungsgruppe der im März 2021 veröffentlichten "Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus", die Antizionismus bzw. Israelkritik nicht generell als antisemitisch verstanden wissen möchte und gegen die Definition der International Holocaust Remembrance Alliance von 2016 formuliert wurde. Petitionen zum Thema zeichnete das Paar oftmals gemeinsam. 2020 veröffentlichte Aleida Assmann auch "Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen", München: Beck (s.a. Artikel "European Graduate School").****

Abb. rechts: Hieroglype "Aton" / "Jtn" / "(Die) Sonnenscheibe".

** Andreas Peham: "Vom Reinheitswahn zum Vernichtungswunsch. Christentum, Narzissmus und Antisemitismus", in: "FORVM. Internationale Zeitschrift für kulturelle Freiheit, politische Gleichheit und solidarische Arbeit", Context XXI, Wien: FORVM Verlag 2004, Heft 8, S. 4-8.

Auszug unter Rückgriff auf Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: "Dialektik der Aufklärung", Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 186-188: "In den 'Elementen des Antisemitismus' betonen Horkheimer und Adorno zunächst den hohen Abstraktionsgrad der jüdischen Religion: 'Gott als Geist tritt der Natur als das andere Prinzip entgegen, das nicht bloß für ihren blinden Kreislauf einsteht wie alle mythischen Götter, sondern aus ihm befrei­en kann. Aber in seiner Abstraktheit und Fer­ne hat sich zugleich der Schrecken des In­kommensurablen verstärkt'. Das Chri­stentum habe nun 'den Schrecken des Ab­soluten gemildert, indem die Kreatur in der Gottheit sich selbst wiederfindet'. Neben der narzisstischen Vermenschlichung Gottes kam es zu einer Verdrängung des Gesetzes (des ödipalen Momentes) durch den Glau­ben und die Gnade. Das neue, jenseitige Heils­versprechen blieb jedoch unverbindlich, zu­dem wurde den Gläubigen die Möglichkeit genommen, durch ein Leben nach dem Ge­setz sich der Einlösung dieses Versprechens im Diesseits zu nähern. Und so mussten diejenigen, die das Wissen um diese Unver­bindlichkeit 'verdrängten und mit schlechtem Gewissen das Christentum als sicheren Besitz sich einredeten, (...) sich ihr ewiges Heil am weltlichen Unheil derer bestätigen, die das trübe Opfer der Vernunft nicht brachten.' Das sei 'der religiöse Ursprung des Antisemitismus. Die Anhänger der Vaterreligion werden von denen des Sohnes gehaßt als die, welche es besser wissen. Es ist die Feindschaft des sich als Heil verhärtenden Geistes gegen den Geist. Das Ärgernis für die christlichen Judenfeinde ist die Wahrheit, die dem Unheil standhält, ohne es zu rationalisieren, und die Idee der unverdienten Seligkeit gegen Welt­lauf und Heilsordnung festhält, die sie angeblich bewirken sollen. Der Antisemitismus soll bestätigen, daß das Ritual von Glaube und Geschichte recht hat, indem er es an je­nen vollstreckt, die solches Recht verneinen.'".

*** Béla Grunberger et Pierre Dessuant: "Narcissisme, christianisme, antisémitisme. Étude psychanalytique", Arles: Actes Sud 1997. "Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung", aus dem Franz. von Max Looser, Stuttgart: Klett-Cotta 2000.

**** Die Idee einer Aufhebung der alten polytheistischen "Religion" durch die Einführung des jüdischen Monotheismus und demgegenüber die Interpretation von Christentum (Gnosis, Islam) nicht nur als eine Art "kulturelle Aneignung", sondern als Ausdruck eines Ressentiments gegenüber dieser neuen - aufgeklärteren - Wirklichkeit des jüdischen Monotheismus, als eine Art "schiefer" Universalismus, insofern ihm das Ressentiment als Motivans einer Gegen-Offenbarung eingeschrieben ist, dieses beides spiegelt sich in den innerhalb der Religionswissenschaft konkurrierenden Etymologien ihres Grundbegriffs:

Cicero, "De natura deorum", 2,71-72: "Diejenigen aber, die alles, was zur Verehrung der Götter gehört, sorgfältig wieder behandelten und gleichsam wieder überdachten [relegerent], die wurden vom Erwägen ['Wiederlesen', ex relegendo] religiös genannt, wie die Geschmackvollen vom Auswählen, vom Hochachten die Sorgfältigen, vom Verstehen die Verständigen. In allen diesen Wörtern nämlich steckt dieselbe Bedeutung des Auslesen [legendi] wie in religiös".

Dagegen Laktanz (ca. 250-320), "Divinae institutiones", 4,28: "Wir werden nämlich unter der Bedingung geboren, dass wir Gott, der uns erzeugt, den gerechten und geschuldeten Gehorsam leisten, ihn allein kennen, ihm folgen. Durch dieses Band der Frömmigkeit sind wir Gott verpflichtet und gebunden ['Rückbindung', religati]; woher auch die Religion ihren Namen erhalten hat, nicht wie Cicero es erklärt hat vom Wieder-Erwägen, welcher im zweiten Buch über das Wesen der Götter folgendermaßen gesagt hat: [...]".

Die Purim-Geschichte um Haman zeigt die Logik des Ressentiments gegenüber dem jüdischen Monotheismus: "Die Geschichte spielt im persischen Reich der Antike. Haman, ein hoher Regierungsbeamter des Königs, ist erbost über die Juden des Reichs. Denn sie wollen nur Gott anbeten und vor niemand anders niederknien, auch nicht vor dem König. Haman will deshalb sämtliche Juden des Reiches umbringen lassen" (Gerald Beyrolt: "Das jüdische Fest Purim", deutschlandfunk.de, 20.03.2019). Bei Laktanz wird aber aus dem "Bund mit Gott" die "Rückbindung" über ein "Band der Frömmigkeit". Die moralische Aufteilung in Gut und Böse wird mit der Idee des Monotheismus verschmolzen, und damit ähnlich der Gnosis ein stark metaphysisch aufgeladener Dualismus begnüstigt, etwa Vorstellungen wie die Unterscheidungen des Augustinus in "civitas diaboli", "civitas Dei" ("Staat des Teufels", "Staat Gottes"). Dieser Art Monotheismus ist ein Gegen-Gott inhärent. Demgegenüber gilt für das Gottesbild in der Purim-Geschichte, "dass es nur einen Gott gibt und dass in Gott alle Eigenschaften zusammenkommen. Alle Gegensätze treffen sich in Gott und werden miteinander vereinigt. So steht geschrieben, dass für Gott das Licht und die Finsternis identisch sind (Psalm, 139,12). Prophet Esaja beschreibt Gott als Stifter des Friedens und Schöpfer des Kriegs (45,7). Im Talmud ist zu lesen, dass manche der bedeutendsten Rabbiner direkt vom bösen Haman abstammen (Sanhedrin, 96b). Vielleicht verkleiden wir uns deshalb auch an Purim: Um Gott, uns selbst und andere Menschen von unbekannter Seite kennenzulernen" (Baruch Rabinowitz: "Der gute Haman", Jüdische Allgemeine, 1.3.2007).

Abb. תערוכה לקראת פורים בהיכל שלמה בירושלים-רעשן עשוי עץ (Purim Exhibition at Heichal Shlomo in Jerusalem, "Rassel", "Purim Noise Maker", bei der Lesung der Ester-Rolle soll damit der Name Haman übertönt werden), von zeevweez, unter Creative-Commons-Lizenz CC BY 2.0 (modifiziert).

****/6 Tilman Tarach: "Teuflische Allmacht. Über die verleugneten christlichen Wurzeln des modernen Antisemitismus und Antizionismus", Berlin / Freiburg: Edition Telok 2022.

S. 78: "Die Holocaust-Forschung hat bislang die Frage allzu sehr vernachlässigt, inwieweit der christliche Antisemitismus im Allgemeinen und die Vorstellung von jüdischen Ritualmorden im Besonderen ein Stimulans für die Täter der Shoah war. Die Halluzination einer jüdischen Gefahr war schließlich Voraussetzung des Vernichtungsantisemitismus undd er praktischen Durchführung der Shoah. Heinrich Himmler [...] sorgte nicht zufällig dafür, dass Schramms Ritualmord-Buch [Hellmut Schramm: 'Der jüdische Ritualmord. Eine historische Untersuchung', 1943] unter den SS-Einsatzkommandos verteilt wurde"

S. 103: "Die 'Rassenantisemitische' Geisteshaltung hinter der Limpieza de sangre, der 'Reinheit des Blutes' [bei den Jesuiten], war im christlichen Denken keine Ausnahme. Christliche Judenfeinde zeichneten sich schon davor oft durch essentialistische Vorstellungen aus, sie argumentierten immer wieder mit vermeintlich angeborenen jüdischen Eigenschaften. Im Grunde verweist hierauf schon die alte christliche Idee der Abstammung der Juden vom Teufel. Wenn es etwa im Johannes-Evangelium heißt, die Juden hätten 'den Teufel zum Vater', so lauert bereits darin, wie der Autor Gerhard Scheit zu Recht bemerkte, 'die Möglichkeit des Rassenantisemitismus' [Anm. 214: 'Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus', Freiburg: Ça Ira 1999, S. 29]".

S. 134: "Halten wir fest: Die These, der christliche Judenhass unterscheide sich grundsätzlich vom rassistisch begründeten, modernen Antisemitismus, mag für eine deutsche Akademiker- oder Kirchenlaufbahn hilfreich sein. Sie erweist sich angesichts der historischen Tatsachen jedoch als Entlastungsstrategie einer christlich sozialisierten Gesellschaft, die es nicht wahrhaben möchte, dass der mörderische Antisemitismus nicht lediglich ein kurzfristiger 'Zwischenfall', sonder ein beständiger Begleiter 'unserer' Geschichte war. Nicht eine neue, gleichsam aus dem Nichts entstandene moderne antisemitische Ideologie hat im 19. und 20. Jahrhundert also die Welt verändert, sondern eine veränderte Welt hat den alten christlichen Judenhass verschärft und ihm eine neue, völkische Färbung gegeben. La Civiltà Cattolica und andere christliche Organe waren treibende Kräfte dieser Verschärfung".

S. 200: "Die Nationalsozialisten wollten also nicht 'Gott aus der Gesellschaft entfernen', wie Benedikt [Papst Benedikt XVI.] unterstellte, im Gegenteil: Nationalsozialismus und traditionelles Christentum bekämpften nichtreligiöse Menschen als gemeinsamen Feind. [...] Dabei waren für die Nationalsozialisten - und für die meisten zeitgenössischen Christen - Atheismus, Judentum und Kommunismus im Grunde ein und dasselbe. So wie Kardinal August Hlond 1936 in einem Hirtenbrief verkündete, die Juden seien 'die Vorhut von Atheismus, bolschewistischer Bewegung und revolutionärer Umtriebe', so wie auch für La Civiltà Cattolica feststand, dass der Kommunismus jüdisch gesteuert sei und die Juden zugleich 'einen gottlosen Staat' ['Über die Judenfrage in Europa', 1890] anstrebten, so wütete auch Hitler gegen die 'atheistischen Judenparteien' [Anm: 428: 'Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band', München 1943, S. 336], gegen den 'jüdisch-gottesleugnerischen Marxismus' [Anm. 429: 'Hitlers zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928', Stuttgart: Institut für Zeitgeschichte 1961, S. 89]"****/7, ****/8.

****/7 "Bilderverbot ist nicht gleich Bilderverbot. [...] Eigentlich sind das aber mehrere Verse, mit mehreren Teilforderungen, unter anderem 'you shall not make for yourself any likeness [temunah] of what in in the heavens above'. Die Bedeutungen von temunah reichen von 'Abbild' bis eben auch 'Form', 'Muster'. Entscheidend ist, dass es also insbesondere darum geht, zu überlegen, welche bestimmten Bilder als Bilder eines Göttlichen abzulehnen seien.

In der islamischen Diskussion geht es aber ein wenig um etwas Anderes. 'Und wer ist frevelhafter, als wer sich anschickt, so zu schaffen, wie ich [Gott] schaffe...', betont Abu Hureira, der mit der Katze. Spannenderweise stehen diese Überlegungen auch in einem Kontext, der sich gerade durch seinen Einbezug von Jesus als einen der Propheten auszeichnet: 'und (damals) als du mit meiner Erlaubnis aus Lehm etwas schufst, was so aussah wie Vögel, und in sie hineinbliesest, so daß sie mit meiner Erlaubnis (schließlich wirkliche) Vögel waren...' (Sure 5, Vers 110: Übersetzung: Rudi Paret). Ein Kommentar zeigt die Richtung der Interpretation: 'Diejenigen, die diese Bilder verfertigen, werden am Tag der Auferstehung bestraft werden. Man wird zu ihnen sagen: 'Macht lebendig, was ihr geschaffen habt!' ...'.

Es geht also insbesondere nicht mehr darum, etwas von der Welt radikal Getrenntes als solches zu begreifen, sondern es ist eher eine hierarchisch-autoritäre Setzung. Es ist auch dahingehend spannend, dass die islamische Konstruktion - also in dieser Tradition, die Debattenresultate wurden unterschiedlich streng durchgesetzt - theoretisch gar nicht bedeutet, dass die anderen 'Götter' zu verwerfen seien. Es ist durchaus denkbar, dass auf diese Weise die Idee, zumindest einem Propheten, einer Wahrheit, anzuhängen, sinnvoll bleibt, und dass es eben vom Tag der Auferstehung abhängt, ob der Prophet tatsächlich mit Allahs Erlaubnis erschaffen, geschaffen hatte, oder eben nicht.

Noch mehr steht ja in der Sure der Umstand, dass da Vögel aus Lehm erschaffen worden sein könnten, gar nicht infrage. Oder es steht höchstens infrage, ob es gute Vögel waren, Vögel auf der guten Seite Allahs. Es steht sogar fest, zumindest in dieser Übersetzung, das müsste ich nochmal am Wort prüfen, dass es 'wirkliche Vögel' waren.

Jetzt kann so ein Facebookpost höchstens einen Ansatz liefern, über etwas nachzudenken. Und ja, ich bitte, das zu übertragen. Denkt etwa an den Baathismus, jene Lehre, die sozialistische Ideen mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, mit etwas Panarabismus kombinierte, denkt an alle diejenigen Revolutionäre, in deren Anakreontik noch ein Schlaraffenland nachklingen mag, denkt an die Parallelen im Grünen Buch Gaddafis zu den Schriften Öcalans, denkt an die Propagandalyrik eines Che Guevara und nunja, an die Queers for Palestine. Und überlegt, welche Art Bilderverbot vielleicht ihrem Denken ähnlich ist" (kw, Facebook, 01.10.2025).

****/8 "Monologe im Führerhauptquartier. Die Aufzeichnungen Heinrich Heims", herausgegeben von Werner Jochmann, München: Albert Knaus Verlag 1980, Nr. 124, S. 220-226, "Wolfsschanze / 3.4. 2. 1942, nachts", d.h. wenige Tage nach der Besprechung am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin, inhaltlich nach einem Rückblick auf "dreizehn Monate Haft" und das Schreiben von "Mein Kampf", S. 225f.:

"Wir haben Städte in Deutschland, in denen alle Freude erstorben ist; auch in einigen calvinistischen Gemeinden der Schweiz soll es so sein. In Trier und in Freiburg habe ich Zurufe bekommen von Frauen, die so bodenlos gemein waren, daß ich sie nicht wiedergeben kann; da hat sich mir dieser furchtbare Tiefstand richtig offenbart. Nun muß man allerdings bedenken, diese Gegenden sind noch belastet mit den Schrecknissen der Inquisition. Bei Würzburg finden sich Dörfer, in denen buchstäblich alle Frauen verbrannt worden sind [Anm.: Falschzuordnung der Hexenprozesse zur Inquisition und Übertreibung im Ausmaß bei gleichzeitiger Ausblendung der Juden- bzw. Converso-Verfolgung durch die Inquisition].

Es gab Ketzerrichter, die sich rühmten, zwischen zwanzig- und dreißigtausend Frauen verbrannt zu haben [Anm: z.B. James Sharpe: 'Witchcraft in Early Modern England', Harlow, UK: Pearson, 2001, p. 6: 'The current consensus is that 40,000 people were executed as witches in the period of the witch persecutions, between about 1450 and 1750'; p. 5: 'among modern Europeans and North Americans']. In Madrid ist durch zweihundert Jahre der Gestank verbrannten Menschenfleisches nicht aus den Gassen gewichen. Wenn es in Spanien noch einmal zu einer Revolution kommt, so ist das die Reaktion auf diese jahrhundertelangen Schrecknisse. Es ist nicht auszudenken, was an Grausamkeit, Gemeinheit und Lüge mit dem Christentum in unser Dasein gekommen ist. [...] Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie dieser Wahnsinn daraus entstanden ist [Anm.: Einleitung einer antisemitischen Wahnidee], daß ein Jude sich gesagt hat: Setzt den Nichtjuden Sprüche vor [Anm.: Andeutung der Disputationes, wie bei Nachmanides, "La Disputa di Barcellona" = Sefer vikkuach haRamban, Erstübersetzung 1681, Roma: Edizione Lamed 1999, oder wie bei Verhören in einem Inquisitionsprozess, aber mit vertauschten Rollen, und mit der Prämisse eines antipodischen Religionsverhätnisses nach 1. Joh. 2, 22-23], die Unsinn sind, je dunkler der Sinn, desto mehr werden sie darüber grübeln und von der Betrachtung der Wirklichkeit abgehalten sein! [Anm.: Projektive Umkehr der Kritik des Monismus am Bilderglauben]

Das Teuflischste ist, daß sich der Jude darüber nun auch noch lustig macht, wie ihm der Betrug gelungen ist. [Anm.: Es folgt eine indirekte Ankündigung der Schoa] Er weiß, wenn die anderen eine Ahnung hätten, auf welche Weise diese Weisheiten zustande kamen, so würden alle Juden erschlagen werden. Aber dieses Mal werden sie aus Europa verschwinden! Ein unbeschwertes, freies Lachen kommt erst wieder in unsere Welt, wenn dieser Alp von ihr genommen ist! [Anm.: Formulierung einer quasi-religiösen 'Eschatologie', d.i. ein Heilsversprechen im Vernichtungsantisemitismus]".

Abb. Jesuskind mit Vogel, "Madonna mit dem Spatz", "Kladsko - gotická madona ve farním kostele Nanebevzetí Panny Marie, česká dřevořezba 1360-1380", "Kladsko - Gotische Madonna in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, tschechischer Holzschnitt 1360-1380", 2017, Bild von Dobroš unter Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA 4.0 (modifiziert). Ältester Textzeuge des katholisch-apokryphen "Kindheitsevangeliums" nach Thomas, ist Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Hamb. Graec. 1011, 4. oder 5. Jahrhundert, Ägypten, Schreibübung, Fragment von 13 Zeilen in griechischer Schrift mit der Geschichte "Jesus und die Tontauben" (andere Handschriften: Vat. Reg. 648; Athens bible. Nat. Gr. 355, 15. Jh.; Bologna MS. 2702 von Mingarelli im Jahr 1764 ins Lateinische übersetzt und veröffentlicht; Dresden MS. 1187 von Thilo im 15./16. Jh. editiert und von Jones ins Englische übersetzt, nach Eun-Kyoung Kim: "Die Fluchterzählungen über Jesus aus außerkanonischen Schriften in Bezug auf Mt. 2,13-23", Tübingen 2014, S. 11).

 

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