Baruch de Spinoza, 1632-1677

mit Bezug zu: Ex. 20, 3-6 (Cordóba / Kairo: Maimonides ⇆ Safed: Karo, Luria ⇆ Sana'a: Yiḥya Ṣāleḥ Maharitz ⇆ Troyes: Schlomo Jizchaki Raschi, Speyer / Regensburg: Jehuda ben Samuel he-Chassid), Moses Hess → "Warenform" (Marx übernimmt Spinozas monistische Methode, der "tote Hund" der Substanzlehre wird antispinozistisch durch eine Verhältnislehre ersetzt), Leo Löwenthal ("Maimonides und die Dummköpfe", 1925), Wien: Amalthea Verlag (Helene Askanasy: "Spinoza und de Witt. 9 Bilder vom Kampf der 'Freiheit' um die Republik", 1931), Paris: Édition de Minuit (Gilles Deleuze, Alexandre Matheron), Berlin: Merve (Gilles Deleuze), Boston: Beacon (Lewis Samuel Feuer: "Spinoza and the rise of liberalism", 1966), Teetz / Brandenburg: Hentrich & Hentrich (Hanna Delf: "Spinoza in der europäischen Geistesgeschichte", 1994), "Nominalismusproblem", Grenzbegriffe "Indien", "Orient", Wertkritik ⇆ Bruno Latour ("Diese spinozistische Philosophietradition [...]"), Samuel Salzborn ("Projektion des Unreinen, der Analität"; Christentum als "Rückkehr der Notwendigkeit zur Abspaltung und Projektion"), Zippora, Uriel da Costa (Propositas contra a Tradiçāo, ca. 1616; Exame das tradiçōes phariseas, 1623; Exemplar humanae vitae, 1640, veröffentlicht als Anhang von Philippi a Limborch: "De Veritate Religionis Christianæ", Goudæ: Justus ab Hoeve, 1687, S. 346-354*), Albany, New York: SUNY (José Faur: "In the Shadow of History. Jews and Conversos at the Dawn of Modernity", 1992, "7. Uriel da Costa. The Man behind the Mirror", "8. Spinoza and the Secularization of Western Society"), Samuel Usque: "Consolaçam ás tribulaçoens de Israel", Ferrara: Casa de Abraham aben Usque 1553 (Reprint Coimbra: Franca Amado 1906), Amsterdam: Gazeta de Amsterdam 1672-1702 (s. Javier Díaz Noci, in: Hist. Commun Soc. Vol. 25, Issue 1, 2020, S. 67-78); Philippi a Limborch: "Historia Inquisitionis", 1692 ("The History of the Inquisition", translated by Samuel Chandler, London: J. Gray 1731, Vol. 1, Vol. 2)**, ***

In English: Short Introduction | En français: Brève introduction | Magyarul: rövid bevezető | På svenska: Kort introduktion | краткое введение | In italiano: Breve introduzione | En español: Breve introducción

 

Wahrscheinlich bestand die Epoche der europäischen Aufklärung im Wesentlichen aus einem Stolpern über das Werk von Baruch de Spinoza.

Probabilmente l'epoca dell'Illuminismo europeo consistette essenzialmente in un inciampare sull'opera di Baruch de Spinoza.

Provavelmente, a era do Iluminismo europeu consistiu essencialmente em um tropeço na obra de Baruch de Spinoza.

The European Enlightenment probably consisted mainly of stumbling across the work of Baruch de Spinoza.

Il est probable que l'époque des Lumières européennes ait consisté essentiellement à buter sur l'œuvre de Baruch de Spinoza.

A era de l'Ilustración Europea consistió probablement mas que mas en topar-se con l'obra de Baruch de Spinoza.

Waarschijnlijk bestond het tijdperk van de Europese Verlichting voornamelijk uit een struikeling over het werk van Baruch de Spinoza.

 

Abb. "Ḥerem Espinoza", "Excommunicated Spinoza", "Spinoza wyklêty", 1907 painting by Samuel Hirszenberg, 1865-1908, Public Domain.

 

Werke. Works. Werken. Opere. Œvres. Obras

1660 "Tractatus (brevis) de deo et homine eiusque felicitate" (postum 1862 in niederländischer Übersetzung publiziert: "Korte Verhandeling van God, de mensch, en deszelvs welstand", Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, Hs. 75 G 15, nl.wikisource.org; "Spinoza's short Treatise on God, Man and his Well-Being", transl. by A. Wolf, London: Adam and Charles Black 1910, archive.org)

1661 "Tractatus de intellectus emendatione" ("Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes", übers. von Julius H. von Kirchmann, Berlin : Heimann 1871, digitale-sammlungen.de)

1663 "Renati des Cartes principiorum philosophiae Pars I et II, More Geometrico demonstratae" ("René Descartes' Grundlagen der Philosophie Teil I und II, auf geometrische Weise begründet", "The principles of Descartes' philosophy", übers. von Halbert Hains Britan, Chicago: The Open Court 1905, archive.org)

1670 "Tractatus theologico-politicus" (Hamburgi: Künrath; [Amsterdam]: [Cunradus], 1670 = VD17 32:693687A u.a.; "Reflexions Curieuses d'un Esprit des-Interressé sur Les Matieres Les plus Importantes au Salut, tant Public que Particulier", Cologne: Emanuel, 1678 = VD17 1:065460K und VD17 3:684334E; "Een Rechtsinnige Theologant, Of Godgeleerde Staatkunde", Hamburg: Koenraad, 1693 = VD17 12:121436G; Bremen: Weyl, 1694 = VD17 1:078350P; "Theologisch-politische Abhandlungen", übers. von Carl Philipp Conz, Stuttgart: Joh. Friedrich Steinkopf 1806, archive.org; "Der Theologisch-Politische Traktat", übers. von Jakob Stern, Stuttgart: Reclam 1909, Kapitel 7: "Über die Auslegung der Bibel", Schärfung des eigenen Monismus-Konzeptes in einer Kritik des Maimonides, gutenberg.org)

1677 "Ethica, ordine geometrico demonstrata" ("Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt", posthum; "Die Ethik", übers. von Jakob Stern, Leipzig: Reclam 1887, archive.org)

1914 "Briefwechsel" (84 Briefe herausgegeben und übertragen von Carl Gebhardt, Leipzig 1914, später unter dem Titel "Von den Festen und Ewigen Dingen", Heidelberg: Carl Winter Verlag 1925)

 

Geschichte. Context. Story. Histoïre. Istoria

(1) "Wie können wir glücklich leben, wenn Freiheit nur ein Idealbild ist? Spinoza hat nicht nur versucht, dieses Paradoxon auf theoretische Weise zu lösen. Im Alter von 23 Jahren wird er wegen als häretisch eingestufter Schriften aus der jüdischen Gemeinde von Amsterdam verbannt, wird Opfer eines Attentats und flüchtet nach Den Haag, wo er seinen Lebensunterhalt als Linsenschleifer verdienen muss. Vorsichtshalber werden zu seinen Lebzeiten nur zwei seiner Werke veröffentlicht: ein Kommentar zu Descartes (Renati Descartes principiorum philosophiae) und der Tractatus theologico-politicus, welches rasch verboten wird. [...]

In seinem Hauptwerk Die Ethik, stellt Spinoza die Sehnsucht (conatus) an die Basis von allem: 'Alles strebt danach, in seinem Sein zu verharren.' Das Grundgesetz des Lebens ist Wachstum und die Zunahme von Handlungsfähigkeit damit die einzige Tugend, die Glück bringen kann. Für Spinoza gibt es kein Gut oder Böse, nur Gut und Böse: Das Gute erhöht unseren conatus, das Böse engt ihn ein. Die menschliche Vernunft ist dieses Leitinstrument, das es uns ermöglichen soll, die Elemente auszuwählen, mit denen wir in Harmonie kommen und die uns gleichermaßen Freude bereiten. [...] Der deterministische Denker Spinoza versichert, dass 'der Mensch kein Imperium innerhalb eines Imperiums ist'. Aber warum hat Gott den Menschen keinen freien Willen gewährt? Diese Frage markiert eine weitere Übertretung des Denkers. Denn Gott, so Spinoza, stehe nicht außerhalb der Natur. Gott ist in der Tat ein und dasselbe mit ihr (Deus sive Natura, 'Gott oder Natur') und hat daher keine nur ihm eigenen Eigenschaften wie Güte oder Macht. Für Spinoza besteht die Welt nur aus Natur als einziger Substanz, die in unendlich vielen Variationen dekliniert wird. Eben die 'Eigenschaften' dieser Substanz, die ihr Wesen ausmachen. Geist und Materie sind eins. Spinoza ist somit einer der ersten Denker, der ein monistisches Weltbild verteidigt, in dem alles auf ein einziges Prinzip reduziert werden kann. [...] Der Philosoph starb im Alter von 44 Jahren an Tuberkulose" (philomag.de/philosophen/baruch-de-spinoza).

(2) Baruch Spinoza, geb. am 24. Nov. 1632 in Amsterdam, gest. am 21. Feb. 1677 in La Haye, ist ein Sohn von Miguel d'Espinoza, geb. 1587 in Vidigueira, Portugal, gest. im März 1654 in Amsterdam, "Marchand de fruits sechts et olives", und der Hana Debora Garcês, geb. 1606, gest. im Nov. 1638 in Amsterdam. Er ist selbst ein Sohn von Abraham d'Espinoza, geb. in Vidigueira, Portugal, gest. am 9. April 1627 in Amsterdam (gw.geneanet.org/rivallainf?lang=en&n=spinoza&p=baruch; ähnlich Steven Nadler: "Spinoza. A Life", Cambridge: Cambridge University Press 1999; s. auch Yosef Kaplan: "The Curaçao and Amsterdam Jewish Communities in the 17th and 18th Centuries", in: "American Jewish History", vol. 72, no. 2, December 1982, S. 193-211, sowie derselbe: "The Portuguese Community in Amsterdam in the Seventeenth Century. Between Tradition and Change", in: "Society and Community", ed. by Abraham Haim, Jerusalem: Misgav Yerushalayim 1991, S. 141-171).

Nach anderer Quelle war der Vater von Michael de Spinoza, 1587-1654, ein Isaac Espinoza, 1542-1627, verh. mir Mor Alvares, 1558-1616. Hana Debora Marques, hier 1595 geboren und 1638 verstorben, ist eine Tochter von Henriques Garces, 1568-1619, und Maria Nunes. Henrique ist ein Sohn van Francisco Bentalhado und Violante Gomes, geb. 1529. Maria ist eine Tochter von Duarte Fernandes, geb. 1541, und Isabel Nunes, 1548-1617. Violante Gomes ist eine Tochter von Femāo Alvares, geb. 1500, und Betriz Gomes, geb. 1505. Ihre Eltern sind Femāo Gomes Bravo, 1470-1535, und Felipa Rodrigues, gest. 1541. Seine Eltern sind Martim Gomes Bravo, geb. 1448, und Cecila Cardoso, geb. 1450. Isabel Nunes ist eine Tochter von Francisco de David Lopes Homem, 1519-1597, geb. in Lamego, Viseu, Portugal, gest. in Ponte de Lima, Viana Do Castelo, Portugal, und Maria Nunes de Sá, 1523-1574 (en.geneastar.org/genealogy/spinozabaru/benedictus-de-spinoza).

Ein Francisco Homem Abendana / Fancisco Nuñez Pereyra / David Abendana, geboren im Jan. 1519 in Ponte de Lima, Portugal, gest. in Amsterdam, war verheiratet mit Justa (Abigail) Pereira Pereyra Homen, er ein Sohn des Patriarch Homen (Homem), geb. 1493 in Portugal (für die Familiennamen Homem, Nunes, Pereira, Abendana s. Jonathan Israel: "Diasporas within a Diaspora. Jews, Crypto-Jews and the World Maritime Empires 1540-1740", Leiden: Brill 2002).

Nach anderer Quelle war der Vater von Isabel Nunes, geb. um 1557 in Ponte de Lima, Viana do Castelo, Portugal, verh. mit Duarte (Fernandes) Habilho, geb. ebenda um 1540, Manuel Nunes, geb. um 1532 in Portugal (wikitree.com/wiki/Nunes-821 unter Bezug auf Florbela Veiga Frade: "As Comunidades Sefarditas e a Naçāo Portuguesa de Antuérpia (Séculos XVI-XVII)", Travesias 6. Lisboa: Ediçōes Colibri, 2021, p. 387). Duarte (Josua) Habilho, "formerly Fernandes", ist hier ein Sohn von Henrique Bentalhado, geb. 1505 in Portugal.

(3) Mirjam d'Espinosa, geb. [1629], gest. am 6.9.1651, Amsterdam, "[b]oth Mirjam's date of birth as well as the exact location are unknown, but can be calculated from the date of Mirjam's marriage registration (1650) with Samuel de Caceres in Amsterdam in the summer of 1650. On 2 June 1650, 'Mariam spinosa van A, out 21 Jaer' (Mirjam d'Espinosa from A[msterdam], 21 years of age) and 'Samuel de Caseres van A, out 22 Jaer' (Samuel de Caseres from A[msterdam], 22 years of age), officially register their intention to marry. [...] Mirjam dies in childbirth. Just like all others members of the Portuguese-Israelite community of Amsterdam Spinoza's sister was buried at Beth Haim" (spinozaweb.org/people/47). "Rebecca d'Espinosa married Samuel de Caceres, widower of her elder sister Mirjam, somewhere after 6 September 1651", gest. am 25.11.1695 in Willemstad, Curaçao (spinozaweb.org/people/50). "Allí, bajo otro sol, ayudan a sentar las bases de una de las redes sefardíes más importantes: Curaçao, Barbados, Jamaica, Surinam... y más allá" (Levie Wagenhuis: "Dos hermanas Spionza", 18.04.2026).

(4) "Curaçao, occupé par les Hollandais en 1634, avait une petite communauté juive depuis 1651 : le nombre des membres de cette communaté était, en 1660, déjà respectable en on y trouvait, à cette date, les principaux commerçants qui, naturellement, étaient en contact avec leurs coreligionnaires et parents de la Martinique. [...] Lorsque les Juifs furent explusés de la Martinique en 1685, il n'est donc pas étonnant que certains d'entre eux se soient établis à Curaçao. Nous connainssons les noms suivants : Abraham Vas (ou Vaes), Jacob Andrade, Abraham de Molina et son fils Jacob, Isaac de Gama, Benjamin de Casseres (neveu du philosophe Spinoza), Haim Franco Athias, David Pinheiro et Mosseh Pereira, le fameux Benjamin de Costa de Andrade, et son fils Joseph, ses filles Sarah et Esther" (I.S. Emanuel: "Les Juifs de la Martinique et leurs coreligionnaires d'Amsterdam au XVIIe siècle", in "Revue des études juives", 123-3-4, 1964, persee.fr, S. 511-516, Zitat S. 516).

(5) Jonathan I. Israel: "Spinoza. Life and Legacy", Oxford: Oxford University Press 2023, S. 1161: "Most of what remained of Spinoza's family, including his sister, Rebecca, and nephews, Michael and Benjamin, and probably several others, migrated as a group to the Dutch Carribean island of Curaçao not long after Spinoza's death, at some point towards the end of the 1670s or early 1680s. Michael, who was named after Spinoza's and Rebecca's father, Michael d'Espinoza, was a sofer, chazzan and rabbinic assistent like his father, Samuel, and crossed to the New World to assist Rabbi Josiah Pardo (1626-84), Rabbi Mortera's son-in-law, whom Spinoza must have remembered from his school days, a rabbi who, until 1672, stubbornly continued to believe Sabbatai Zevi was the Messiah and would release the Jews form all oppression and misery, but then, finally abandoning his Sabbatian credo, figured subsequently among the most prominent and important Sephardic religious leaders in the Carribean. Leaving Amsterdam in 1674, Pardo became the first fully trained rabbi and effective organizer of the educational and charitable institutions of the Mikvé Israel community on Curaçao, the premier and model community of the Sephardic Carribean, based in the island's capital, Willemstad and, in 1683-4, in his last year, performed a similar function ogrganizing the growing new congregation of Port Royal, in Jamaica".

Abb. "Willemstadt, Broad Street, Curaçua, 1885", Accession number British Library HMNTS 10470.dd.1. Image extracted from page 319 of "The Cruise of the Montauk to Bermuda, the West Indies...", by James Macquade. Public Domain.

(6) Marcos Melchor-Palencia: "Sephardic Jews in Guatemala", 25. Oct. 2025, blogs.timesofisrael.com:

"Unfortunately, Guatemala preserves little documentation of that hidden chapter. The archives of the Holy Office of Mexico mention 'marranos in the provinces of Guatemala,' but the details are scarce, dispersed among centuries of dust and oblivion. [...] In my family tree, the surnames de Coronado, Colindres Puerta, Paiz or de Paz, de Molina and Alemán emerge like faint fingerprints of a lost identity. Perhaps they mean nothing; perhaps they are the last syllables of a hidden prayer. Following that genealogical thread, I arrived at the figure of Ana María Rubio de Cáceres y Sanabria - her paternal name Rubio de Cáceres, her maternal Sanabria - who married an Irish surgeon, Theodore Dominick O'Kelly Plunkett, a Catholic who settled in Guatemala until his death in 1701. [...] Another branch of this uncertain lineage leads me back to the figure of Samuel Abravanel, born around 1370 in Lisbon. Forced to convert, he became Juan Sánchez de Sevilla and married Juana Rodríguez de Monroy. His descendants dispersed after the Portuguese persecutions of the late 15th century, and the name Abravanel - once illustrious in Jewish philosophy and finance - was swallowed by the tide of assimilation. Fernán Rodríguez de Sevilla, Lord of Río Lobos and Villar de Leche, son of Abravanel, married Isabel Ordóñez de Villaquirán. They were the grandparents of Gonzalo de Ovalle y Ordóñez de Villaquirán, a conquistador and encomendero in the lands of Guatemala, who later served as alcalde mayor of Ciudad Real de Chiapas and his ancestors still are alive around us".

 

[ Anmerkungen. annotations. remarques. notæ. anotacións ]

* S. auch "Uriel Acosta's Selbstbiographie. Mit einer Einleitung", Leipzig: E.D. Weller 1847 [ = Frankfurt am Main: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg 2010]****; Uriel da Costa: "Espelho da Vida Humana (Exemplar humanae vitae)", introd. by Teófilo Braga, trans. from Latin into Portuguese by A. Epifānio da Silva Dias, Lisboa: Imprensa Lucas 1901; "Uriel Acostas Selbstbiographie", Temesvár: Polatsek 1909; Alfred Klaar: "Uriel Acosta. Leben und Bekenntnis eines Freidenkers vor 300 Jahren", Berlin: Georg Reimer 1909 (I. "Einleitung", I.1 "Die Bedeutung Uriel Acostas und seiner Autobiographie", I.2 "Sein Charakter und die Psychologie seiner Schicksale", I.3 "Seine ethischen Theorien und ihre Wirkung", II. "Uriel Acostas Autobiographie", II.1 "Verdeutschung", II.2 "Lateinischer Urtext (nach der Mitteilung von P. von Limborch 1687)", III. "Anmerkungen"; Reprint Berlin/Boston: De Gruyter 2021); "Die Schriften des Uriel da Costa. Curis Societatis Spinozanne", mit Einleitung, Übertragung und Regesten hrsg. von Carl Gehardt, Amsterdam: M. Hertzberger - Heidelberg: Carl Winter - London: Oxford University Press 1922, "Uriel Acosta. Dokument eines Menschenschicksals. Das Exemplar humanae vitae aus dem Lateinischen neu übertragen von Oskar Jancke", Einband-Entwurf von W. J. M. Schmitz-Gilles, Aachen [Lousbergstr. 2]: Verlag "Die Kuppel", Karl Spiertz 1923; "Une vie humaine", trans. from Latin into French with a study about the author by A.-B. Duff and Pierre Kaan, Paris: ed. F. Rieder 1926; Josef Kastein: "Uriel da Costa oder die Tragödie der Gesinnung", Berlin: Rowohlt 1932 und Wien: Löwit 1935 (1. "Von der Gesinnung", 2. "Die Welt des Nichts", 3. "Die Welt der Sicherungen", 4. "Die geborstene Welt", 5. "Die ideale Welt", 6. "Die Welt der Heimkehrer", 7. "Die Welt der Rebellen", 8. "Die Welt der Einordnungen", 9. "Angriff und Verteidigung", 10. "Wirken und Werken", 11. "Vernichtung", 12. "Verbundenheit"); Konrad Müller: "Das 'Exemplar humanae vitae' des Uriel da Costa", Aargau: Sauerländer 1952; "'Exemplar humanae vitae'. Beispiel eines menschlichen Lebens", herausgegeben, übersetzt und erläutert von Hans-Wolfgang Krautz, Tübingen: Stauffenburg 2001.

Siehe außerdem Karl Gutzkow: "Uriel Acosta. Trauerspiel in 5 Aufz.", mit einer Einleitung von Rudolf von Gottschall, Leipzig: Reclam [1847]; Jean Ziegler: "Marx, wir brauchen Dich. Warum man die Welt verändern muss" [À demain, Karl], aus dem Franz. von Inge Leipold, München und Zürich: Piper 1992 (I. "Die Abenteuer der Vernunft", I.1 "Was bleibt, wenn alles vergessen ist", I.2 "Wer hat Angst vor der Philosophie?", I.3 "Das Versagen der Intellektuellen", II. "Das Leben verändern", II.1 "Das Gras wachsen hören", II.2 "Die Einsamkeit der dritten Welt", II.3 "Im Namen der Ethik", [III.] "'Nicht wie Würmer leben...'", [IV.] "Wächter in der Nacht. Olof Palme. Bernt Carlsson. Bruno Kreisky. André Chavanne"); Uriel da Costa: "Examination of Pharisaic traditions" = "Exame das tradições phariseas", Leiden, New York, Köln: Brill 1993; Stephan Wyss: "Passagalia. Ästhetische Erkundungen über Uriel da Costa, über den Abschied vom dreifaltigen Gott und über die Erscheinung des Andern im Zweideutigen", Luzern: Edition Exodus 1996; Simon Schwartz: "Uriel da Costa. Ahnherr der Aufklärung und Vorläufer von Spinoza. Über die Anfänge der modernen europäischen Geistesgeschichte im Umfeld der Ethik- und Religionsphilosophie von Baruch Spinoza", Saarbrücken: VDM-Verlag Dr. Müller 2011; Rogério Paulo Madeira: "Ficção e história. A figura de Uriel da Costa na obra de Karl Gutzkow", Coimbra: MinervaCoimbra / Centro Investigação em Estudos Germanísticos 2012; Angela Botelho: "The Marrano in Modernity. The Case of Karl Gutzkow", in: "Nexus 3. Essays in German Jewish Studies", Woodbridge, Suffolk: Boydell & Brewer 2017, pp. 123-144; Michael Studemund-Halévy: "Dr. Semuel da Silva gegen Uriel da Costa. Ein Hamburger Streit um die Unsterblichkeit der Seele", Berlin / Leipzig: Hentrich & Hentrich 2024.

** Diskursverschiebung in der Rezeption der Inquisitionsgeschichte, z.B. bei (1) Silvia Federici: "Caliban and the Witch", New York: Autonomedia 2004; "Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation", Wien: Mandelbaum 2012. Ausgehend von, S. 36, einem "systematischen Angriff [...], dem die Juden ab dem 12. Jahrhundert ausgesetzt waren", schließt Frederici in einer dualistischen Zuspitzung, S. 267, "Die Geburt der Kannibalen":

"Als Kolumbus nach 'Indien' segelte, war die Hexenjagd in Europa noch kein Massenphänomen. Dennoch wurde der Vorwurf der Teufelsverehrung von der Elite bereits regelmäßig als Waffe gegen politische Feindinnen sowie als Mittel zur Verunglimpfung ganzer Bevölkerungen (etwa der Mus­lime und der Juden) verwendet. Mehr noch: Im mittelalterlichen Europa war, wie Seymour Phillips schreibt, eine 'verfolgende Gesellschaft' entstanden, die sich aus Militarismus und christlicher Intoleranz speiste und den 'Anderen' vor allem als Gegenstand der Aggression ansah (Phillips 1994 ['The Outer World of the European Middle Ages', in: 'Implicit Understandings. Observing, Reporting and Reflecting on the Encounters Between Europeans and Other Peoples in the Early Modern Era', edited by Stuart B. Schwartz, Cambridge: Cambridge University Press 1994, S. 23-63]). Es überrascht daher nicht, dass der 'Kannibale', der 'Ungläubige', der 'Barbar', die 'monströsen Rassen' und der Teufelsverehrer als 'ethnographische Modelle' für die in das 'neue Zeitalter der Expansion' eintretenden Europäerinnen dienten (Phillips 1994: 62) und das Raster boten, anhand dessen die Missionare und Konquistadoren die Kulturen, Religionen und sexu­ellen Gebräuche der Menschen interpretierten, auf die sie trafen".

Abb. / Fig.: "Johann Hübners neu-vermehrtes und verbessertes reales Staats- Zeitungs- und Conversations-Lexicon, darinnen sowohl die Religionen und geistlichen Orden, die Reiche und Staaten, Meere, Seen, Insuln, Flüsse, Städte, Festungen ... Die allerneueste Auflage, darinnen alles, was sich in Publicis, Geographicis, Genealogicis und andern Stücken verändert, bis auf gegenwärtige Zeit fleißig angemerckt zu finden. Nebst einem angehängten brauchbaren Register und neuen Vorrede, auch nützlich und zur Erläuterung dienenden Kupffern. Mit aller- und gnädigsten Privilegiis versehen", Regensburg: Emerich Felix Bader 1745, S. 544, Artikel "Inquiriren" und "Inquisition".

S.a. (2) Vladimir Sabourin (Veliko Tarnovo, Hll.-Kyril-und-Method-Universität): "Der Schelm und die Europäisierung", in: "TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften", No. 16/2005, inst.at/trans/16Nr/14_6/sabourin16.htm:

"[...] Es ist wohl kein Zufall, dass sich die picareske Travestie hauptsächlich auf die Kontroll-, Befragungs- und Verhörverfahren der Inquisition bezieht. Diese spielt eine entscheidende Rolle bei der bürokratisch-ständischen Bewältigung und Bemäntelung der sozialen Konflikte. [...] Ich folge bei dieser Behauptung den Ausführungen des französichen Sozialhistorikers Joseph Pérez, demzufolge 'die Gründung der Inquisition durch unbestreitbare Modernisierungszüge gekennzeichnet ist, insoweit sie die Bestrebung der Katholischen Könige zur aktiven Kontrolle des Lebens und Denkens der Untertanen zum Ausdruck bringt.' ["España moderna 1474-1700. Aspectos políticos y sociales", in: "Historia de España", Tomo V, Barcelona: Labor 1982, S. 160.] [...] 'Die jahrhundertelang bewahrten Akten stellten eine Geheimwaffe dar, die bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Gesellschaft besessen hat [...] ein Werkzeug zur Versteinerung der sozialen Geschichte.' [Stephen Gilman: 'The Spain of Fernando de Rojas. The Intellectual and Social Landscape of La Celestina', Princeton: Princeton University Press 1972, S. 38.] [...] Die von der Inquisition erarbeiteten Verfahren der 'Erforschung' des Angeklagten - in erster Linie die Verhörverfahren - stellen einen nicht zu unterschätzenden Faktor bei der Konstituierung der modernen Subjektivität dar. 'Für die Entwicklung der Individualität und die Geschichte der Individualisierung spielten neben kirchlich-religiösen Kontrollinstanzen die Institutionen des frühmodernen Staates eine Rolle, in denen der einzelne sich als Subjekt und Individuum erfuhr bzw. erklären konnte oder musste.' (Richard van Dülmen: 'Die Entdeckung des Individuums 1500-1800', Frankfurt am Main: Fischer 1997, S. 53.] Das, was der moderne Mensch als sein 'Ich' anspricht, ist ein Produkt von Verfahren der Befragung, von systematisch gefächerten Fragebogen, die das gestaltlose menschliche Substrat zum Subjekt machen. Die befragende Institution 'hilft' dem Subjekt, seine Geschichte zu erzählen, die Erzählung zu konstruieren, die ihn erst zum Subjekt macht. Das Routineverfahren des Inquisitionsverhörs setzt die Erzeugung einer autobiographischen Erzählung voraus, die man im Schelmenroman wiederfindet. Die gattungsspezifische Form der autobiographischen Ich-Erzählung des Schelmen bezieht sich parodistisch auf die frühmoderne Generalisierung und Systematisierung der religiösen Bekenntnispraktik und auf die Verfahren der Rekonstruktion der eigenen Autobiographie im Rahmen des Inquisitionsverhörs".

(3) Unter den Quellen befindet sich Stephen Gilmans Studie zum Spanien des Fernando de Rojas, der als Autor von "La Celestina. Comedia de Calisto y Melibea" gilt, "[d]as Drama kursierte bereits in den 1490ern in Handschriften in den Kreisen der Universität von Salamanca. Im Jahr 1500 wurde es zum ersten Mal in der Offizin Pedro Hagenbachs in Toledo gedruckt", bzw. in Burgos durch Fadrique de Basilea in 1499, beide Versionen sind als "Princeps Edition" in der Diskussion (WP), neben einer ursprünglicheren Comœdia-Fassung in 16 Akten gibt es eine "Tragicomoedia"-Fassung in 21 Akten. Eine Übersetzung ins Deutsche stellte Christoph Wirsung an, "Ain Hipsche Tragedia || vō zwaien liebhabendñ", Augsburg: Sigmund Grimm und Marx Wirsung 1520 (VD16 R 2930, VD16 ZV 33574); "AJnn recht Liepliches || b#[ue]chlin vnnd gleich ain traurige || Comędi so von den Latinischen Tragicocomoedia ge=||nant wirt", Augsburg: Heinrich Steiner 1534 (VD16 R 2931, VD16 ZV 32605), die erweiterte Fassung enthält u.a. einen Epilog mit einer längeren Klage Pleberios, des Vaters von Melibea, z.B. Bl. hi verso [Seite 256, Ex. Halle]:

"O welt / welt / wie viel haben von dir geschriben / wie vil haben deine muͤsaͤligkayt gemaͤldet / [...] Aber die habē gewonlich sollichs alles von hoͤren sagen / oder auß den buͤchern der alten erschoͤpffet / Ich aber befinde es layder durch erfarnus / ich bin auff deim jarmarckt nun gar zů vil verlustig worden [...] / Ich hab in meiner jugent vermaint / das du nach ordnung geregieret wurdest / yetzund aber hab ich iñ meim alter / den nutz vnd schaden deyner unordnung erfaren. Du bist ein Labyrint aller irrthum / ein forchtsame wüstin der grausamen thier / ein trieber / vñ mit kot vermischter See / ein Landschaft voller dorn / Felsen vnd sorgklichen schrofen / [...] ein grundtloser bruñ der gedancken / ein fluß & zaͤher / ein moͤre aller Betruͤbnus / ein vberlaͤstige muͤhe ohn alle nutzbarkayt / ein suͤsses gifft / ein eytele hoffnung / ein falsches freúd / vnd warer schmertz. Du gibst uns O falsche welt / mit deiner lastbarkayt dē verborgnen Angel zů schlycken / wañ wir am sichersten sind / [...]".

Stephen Gilman: "The Spain of Fernando de Rojas. The Intellectual and Social Landscape of La Celestina", Princeton: Princeton University Press 1972 (1. "The Reality of Fernando de Rojas", S. 1-64, 2. "The Vase of Alvaro de Montalbán", 3. "Converso Families", "The Montalbanes, Avilas, Rojas, Torrijos, Lucenas, and Francos", "The 'Selves' of Authors", 4. "The Times of Ferdando de Rojas", "The Anusim", "Razón y sinrazón", 5. "La Puebla de Montalbán", "Emmities, envies, sudden rages, changes of mind, and discontents", 6. "Salamanca", 7. "Fernando de Rojas as Author", "The Intention of La Celestina", "In hac lachrymarum valle", "'Cortaron mi compañía", "The Rhetoric of Unease", 8. "Talavera de la Reina", "Appendix I. Probanzas and Expedientes", "Appendix II. Genealogies", "Appendix III. The Probanza de hidalguía of Licentiate Fernado de Rojas", "Appendix IV. The Bachelor's Libros de leyes"; transl. "La España de Fernando de Rojas. Panorama intelectual y social de 'La Celestina'", Madrid: Taurus 1978).

S. 38: "There, in those archives - as everyone knew - could be found the truth in a world of false appearances, social camouflage, and well-remunerated perjury. There, as I have said, lay the danger which, for all his cunning and skill, the Licentiate Fernando could not allay. When we think about the Inquisition as a historical institution, we naturally tend to stress its grim flamboyance (burning at the stake, torture, penitential garb, the ritual of the auto de fe, and the rest), its corruption, and its suppression of religious and intellectual freedom. But perhaps just as important as these to those who lived in fear of it was its bureaucratic routine. Dossiers conserved for centuries were secret weapons never before possessed by any society - and indeed hardly conceivable today in our own age of change. The secreto (and the wretched affair just described is only one minuscule example) was nothing less than a device for the petrifaction of social history".

S. a. (4) "Lazarillo de Tormes [entre agosto de 1525 y febrero de 1526], una novela en busca de autor, edición y estudio preliminar de Mariano Calvo ['Lazarillo de Tormes. Una novela en busca de autor', Castilla-La Mañcha: Almud Ediciones 2020]", in: "Letralia", martes 29 de septiembre de 2020:

"Según Calvo, el Lazarillo nunca tuvo vocación de obra anónima, y si se publicó sin el nombre del autor fue a causa de la persecución inquisitorial que sufrió Juan de Valdés, lo que le obligó a exiliarse en Italia, perdiéndose así la identidad del manuscrito, que permaneció en España, en la imprenta alcalaína de Miguel de Eguía".

(5) Weitere Autoren: Joāo Pinto Delgado: "Poema de la Reina Ester" (Rouen: David du Petit Val 1627), Antonio Enriquez Gómez: "El siglo pitagórico" (Roan: Laurens Maurry 1647 [ cervantesvirtual.com ]), Miguel [Daniel Levi] de Barrios: "Contra el la Verdad ningún Fuerca ay" (Amsterdam: David de Castro Tartaz 1665), Antonio José da Silva: "Anfitriāo ou Jupiter e Alcmena" (Lisboa: Antonio Isadoro da Fonseca 1736), "Labyrintho de Creta" (Lisboa: Antonio Isadoro da Fonseca 1736; s. Antonio José da Silva: "Theatro comico portuguez, ou, Collecção das operas portuguezas, que se representárão na casa da theatro publico do Bairro Alto, e Mouraria de Lisboa", Lisboa: Simão Thaddeo Ferreira 1788; s. Ferdinand Wolf: "Dom Antonio José da Silva", Wien: Gerold 1860 [ phaidra.univie.ac.at ]; Ernest David: "Antonio José da Silva, 1705-1739. Les opéras du juif. Extrait du Journal Les Archives Israélites", Paris: A. Wittersheim 1880 [ gallica.bnf.fr ]; Emanuel bin Gorion: "Philo-Lexikon. Handbuch des jüdischen Wissens", 3. Auflage, Berlin: Philo 1936, Sp. 691, s. Abb. rechts).

(a) Ernest David, a.a.O., 1880, p. 56: "L’Inquisition était partout; elle se mêlait à l’air respirable ; elle entrait par les issues les moins acces sibles ; elle parlait par la bouche des serviteurs, des amis, des amants; elle se tenait au chevet du lit; les alcôves étaient sans mystère pour elle; les songes, elle les lisait sur le visage du dormeur; elle acceptait toutes les dénonciations d’où qu’elles vinssent; il lui suffisait du moindre indice, de la présomption la plus futile, d’un mot à double sens pour jeter son dévolu sur ses victimes et les envoyer sur le queimadeiro. Jamais système de terreur ne fut plus savamment or ganisé. Ses bûchers seuls enlevèrent à l'Espagne et au Portugal plus de cinq millions de personnes (1). De 1711 à 1707, le Brésil seul, si peu peuplé, en perdit plus de deux cents (2). « Les sacrifices de sang humain, » dit Voltaire (3), « qu’on reproche aux an ciennes nations, ont été plus rares que ceux dont les Espagnols et les Portugais se sont souillés dans leurs actes de foi. »"

Ernest David, a.a.O., 1880, S. 56, Übersetzung: "Die Inquisition war allgegenwärtig; sie lag in der Luft, die man atmete; sie drang an die unzugänglichsten Orte vor; sie sprach aus dem Mund von Dienern, Freunden und Geliebten; sie stand am Krankenbett; kein Gewöbe barg Geheimnisse vor ihr; sie las Träume im Gesicht des Schlafenden; sie nahm Denunziationen aus jeder Quelle entgegen; der geringste Hinweis, die banalste Vermutung oder ein Wort mit Doppelsinn genügten ihr, um ihre Opfer zu markieren und sie auf den quemadero zu schicken. Niemals war ein Terrorsystem geschickter organisiert. Allein ihre Scheiterhaufen forderten in Spanien und Portugal mehr als fünf Millionen Menschenleben (1). Zwischen 1711 und 1707 verlor allein Brasilien 'trotz seiner dünnen Besiedlung' mehr als zweihundert Menschen an sie (2). 'Die Menschenopfer', so Voltaire (3), 'die man antiken Völkern zur Last legte, waren weniger zahlreich als jene, mit denen sich Spanier und Portugiesen bei ihren *Autos-da-fé* befleckten'".

1. "Cf. Gedde's, Account of the Inquisition in Portugal". Anm.: Zahl von fünf Millionen ist zu groß. William Monter: "Frontiers of Heresy. The Spanish Inquisition from the Basque Lands to Sicily", Cambridge: Cambridge University Press 2003, p. 53, "estimated there were 1,000 executions in Spain between 1530 and 1630, and 250 between 1630 and 1730" (WP). Fortunato de Almeida: "História da Igreja em Portugal", Vol. IV, Oporto 1923, Appendix IX, esp. p. 442, "gives the following statistics of sentences pronounced in the public ceremonies' autos de fé between 1536 and 1794": 763 "auto de fé with known sentences", 1.183 "Executions in persona", 663 "Executions in effigie", 29.611 "Penanced", 31.457 "Total" (WP). Andrea Del Col: "L'Inquisizione in Italia", Milan: Oscar Mondadori 2010, pp. 779-780, "estimates that out of 51,000 - 75,000 cases judged by the Inquisition in Italy after 1542, around 1,250 resulted in a death sentence" (WP). Alan Machado Prabhu: "Sarasvati's Children. A History of the Mangalorean Christians", London: I.J.A. Publications 1999, p. 121, "in its two-and-a-half centuries of existence in Goa, the Inquisition burnt 57 people to death at the stake and 64 in effigy, of whom 105 were men and 16 were women" (WP). "A View of the Inquisition of Portugal" von Michael Geddes erschien innerhalb von "Miscellaneous Tracts", London: J. and A. Churchill 1709. Dem Text wurde die hohe Opferzahl fälschlich zugeschrieben.
2. "Cf. Pereyra da Silva, Os varoes illustres, etc., I, p. 266".
3. "Cf. Voltaire. Examen de Milord Bolingbroke. Paris. Edit. Furne, 1847, t. VI, p. 212".

(b) Antonio José da Silva: "Labyrintho de Creta" [EA 1736], in: "Theatro comico portuguez", a.a.O., Tomo Secundo, 1788 [ archive.org ], S. 75, "Scena II. Labyrintho. Sabe Terzeo", Übersetzung:

"Theseus. Dies ist die letzte Kammer des verschlungenen Labyrinths, in der Daedalus seinen Kunstfertigkeiten eine Grenze setzte. Ich werde Ariadnes Faden an diese Säule binden, auf dass er mir als Leitstern durch dieses Meer der tiefen Verwirrung diene. Welch bewundernswertes Bauwerk! Welch eine Vielfalt an Baustilen! Welch prachtvolle Säulenhallen! Welch kostbarer Marmor! Welch mächtige Säulen! Hier erfreut jede Verwirrung, und jede Freude gerät ins Wirrwarr; denn das Grauen wird für Schönheit gehalten, und die Schönheit lässt das Grauen zugleich erschreckend und reizvoll erscheinen – denn in diesem Wechselspiel von Licht und Schatten leuchten die Schatten, während das Licht Schatten wirft. Doch Daedalus – der hier verblieb, um meiner zu harren – hat sein Versprechen zweifellos bereut und versucht, sich die von ihm erschlossene Stätte zunutze zu machen."

(c) Antonio José da Silva: "Anfitriāo ou Jupiter e Alcmena" [EA 1736], in: "Theatro comico portuguez", a.a.O., Tomo Primo, 1788 [ archive.org ], S. 381 ("Scena III"):

"Saram [Saramago, Criado de Amfitriāo, Gracioso]. Tambem a natureza póde mentir; pois não falta quem minta por natureza: Verbi caufa vifte no arco da velha aquellas cores, com que a natureza o vefte de mil cores? Pois fabe, que não são cores, fenão hu ma apparencia enganofa, e huma equivoca ção dos olhos: eis-ahi fem mais, nem mais a tua figura pois ainda que te oftentes Sa ramago verde, ou Saramago azul, para corar o arco defta velha; com tudo nem és verde nem azul, nem Saramago, fenão hum engano dos olhos, e huma lograsão da fantafia".

Übersetzung:

"Saram [Saramago. Diener des Amfitriāo, lustig]. Auch die Natur kann lügen; denn es mangelt nicht an jenen, die von Natur aus lügen: Nimm zum Beispiel die Farben, die du im Regenbogen siehst – mit denen die Natur ihn in tausend Nuancen kleidet? Nun, wisse, dass dies keine Farben sind, sondern vielmehr ein trügerischer Schein und eine optische Täuschung: Genau so verhält es sich mit deiner eigenen Gestalt; denn obwohl du dich vielleicht als grüner Saramago oder blauer Saramago zur Schau stellst, um jenen Regenbogen zu färben, bist du in Wahrheit weder grün noch blau, ja nicht einmal ein Saramago, sondern lediglich eine optische Täuschung und ein Streich, der der Einbildungskraft gespielt wird".

S. a. (6) Marcus Ehrenpreis: "Das Land zwischen Orient und Okzident. Spanische Reise eines Juden", mit einem Brief von Alfons Paquet, Berlin: Welt-Verlag 1928 (1. "Auf dem Weg nach Madrid", 2. "Spanische Kultureindrücke", 3. "Toledo. Stadt der Generationen", 4. "Im Schatten der Inquisition", 5. "Die Marranen in Portugal", 6. "Granada la Bella", 7. "Stiergefecht in Granada", 8. "Durch mittelalterliche Judengassen", 9. "In Gabirols Geburtsstadt", 10. "Meine Begegnung mit Maimonides", 11. "Sommertage in Marokko", 12. "Von tausendundeiner Nacht zu Don Quichotte"); Hirsch Jajob Zimmels: "Die Marranen in der rabbinischen Literatur. Forschungen und Quellen zur Geschichte und Kulturgeschichte der Anussim", Berlin: R. Mass 1932.

S.a. (7) Kenneth Maxwell: "Pombal, paradox of the Enlightenment", Cambridge / New York: Cambridge University Press 1995.

S. 91: "And, in 1769 Pombal [Sebastião José de Carvalho e Melo, seit 1759 Conde de Oeiras, seit 1769 Marquês de Pombal, 1699-1782] moved against the Inquisition itself, destroying its power as an independent tribunal and making it dependent on the government and ordering that all property consficated by the Inquisition was henceforth to accrue to the national treasury. He appointed his brother, Paulo de Carvalho, to be Inquisitor General. Public auto da fe ceased, along with the death penalty. Malagrida, the last victim, was burned in 1761 [Oliveria Marques: 'History of Portugal', vol. 1, p. 402]".

S. 164: "There was, of course, an element of paranoia to these views since they were sometimes a mirror image in their expectation of Jewish and 'New Christian' entrepreneurial perspicacity, and of the Inquisition's fear of it. But these tentative steps in the direction of social reform and toleration were part of a wider clash between the traditional values of the Counter Reformation and a reform program that aimed at reestablishing national control over the economy, at shoring up the power of the state, and at the education of a new generation of skillful businessmen and enlightened aristocrats. And here the ambiguity of the Crown's own response to these conflicting tendencies was most acute".

(8) "Gabriel Malagrida SJ (18 September or 6 December 1689 - 21 September 1761) was an Italian Jesuit missionary in the Portuguese colony of Brazil and influential figure in the political life of the Lisbon Royal Court. Malagrida was famously caught up in the Távora affair. When he could not be convicted for high treason, the Portuguese Prime Minister Sebastiāo José de Carvalho e Melo, Marquis of Pombal, whose brother served as the head Inquisitor, had him executed for heresy [...].

Under the harsh conditions of his two-and-a-half years imprisonment, Malagrida went mad. He was found guilty of heresy based upon two transcripts of visions it was claimed he experienced. The first was on the Anti-Christ, and the second was entitled The Heroic And Wonderful Life of the Glorious Saint Anne, Mother of the Virgin Mary, Dictated By This Saint, Assisted By And with the Approbation And Help of This Most August Sovereign, And Her Most Holy Son [Nicholas Shrady: 'The Last Day. Wrath, Ruin, and Reason in the Great Lisbon Earthquake of 1755', London: Penguin Publishing Books 2008, p. 178; Excerpts in: "Memoirs of the Marquis of Pombal. With extracts from his writings, and from despatches in the state papers office", ed. von John Smith Athelstone Carnota, Vol. 2, London: Longman, Brown & Green 1843, p. 17ff.]. His authorship of these treatises has never been proved [Michael Ott: 'Gabriel Malagrida', in: 'The Catholic Encyclopedia', Vol. 9, New York: Robert Appleton Company, 1910, newadvent.org] [...]

Stendhal [Marie-Henri Beyle] (1783-1842) mistakenly ascribed to Malagrida the maxim 'Words have been given to men in order to hide their thoughts' (The Red and the Black ['Le Rouge et le Noir', Paris: A. Levasseur 1830], Part 1, XXII ['Manners and Customs in 1830'], epigraph ['The Red and The Black by Stendhall', translated by C. K. Scott Moncrieff, EA 1926, New York: Randon House 1953, p. 175: 'Speech was given to man to enable hin to conceal his thoughts'), which go back to a remark by a capon made in a fable / dialogue written by Voltaire in 1763 ['Dialogue between a capon and a fattened hen', d.i. Voltaire: 'Dialogue du chapon et de la poularde', ed. Baldine Saint Girons, Paris: Éditions Manucius 2014; also in: "Œuvres complètes de Voltaire", Vol. 25, ed. by Louis Moland, Georges Bengesco, Adrien Jean Quentin Beuchot, Paris: Éditions Garnier Frères 1879, pp. 119-123], often mistakenly attributed to Talleyrand [Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord]" (WP).

Von Stendhal sind in Kurts Bibliothek vorhanden: "Le Rouge et le Noir", Paris: Garnier 1830; "Römerinnen. Zwei Novellen", transl. von Arthur Schurig, Leipzig: Insel. Von Raoul D'Argental gibt es die "Histoire complète de la vie de Voltaire", Paris: Sandoz & Fischbacher 1878. Von Käthe Schirmacher: "Voltaires Briefwechsel", Leipzig: Insel 1908, und an Originalausgaben von Voltaire: "Romans de Voltaire", 3 volumes, Paris: Didot 1800; "La Pucelle", Paris: Didot 1801, "Théatre de Voltaire", Paris: Didot, 12 volumes, Paris: Didot 1801; "Théatre de Voltaire", 5 volumes, Paris: Fournier 1803; "Siècle de Louis XV.", Paris: Didot [ca. 1826?].

S. a. (9) Dr. W. A.: "Das letzte Autodafé", in: "Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt", Heft 41, Leipzig: Ernst Keil 1863, S. 656.

*** "Limborch was born on 19 June 1633 in Amsterdam, where his father was a lawyer. He received his education at Utrecht, at Leiden, in his native city, and finally at Utrecht University, which he entered in 1652. In 1657 he became a Remonstrant pastor at Gouda, and in 1667 he was transferred to Amsterdam, where, in the following year, the office of professor of theology in the Remonstrant seminary was added to his pastoral charge. He was a friend of John Locke, living in exile in the Dutch Republic, whose A Letter Concerning Toleration was likely addressed to, and first published by, Philipp van Limborch. Limborch died in Amsterdam on 30 April 1712" (WP unter Bezugnahme auf "Limborch, Philipp van", in: "Encyclopædia Britannica", ed. by Hugh Chisholm, Vol. 16, 11th edition, Cambridge: Cambridge University Press 1911, p. 691).

**** "Uriel Acosta's Selbstbiographie. Mit einer Einleitung", Leipzig: E.D. Weller 1847, S. 43f.: "Wie Viele gibt es nicht, die an ihrem Glücke verzweifeln, welche sich in ihren eingetränkten Vorurtheilen opfern, welche freiwillig ein höchst armseliges Leben führen, indem sie ihren Körper zum Erbarmen zerfleischen, Einöden und die Abgeschlossenheit von aller menschlichen Gesellschaft aufsuchen, immer von inneren Qualen gepeinigt, wobei sie die von der Zukunft gefü[r]chteten Uebel schon gleichsam in der Gegenwart abbüßen. Diese und zahllose andere Uebel hat eine falsche, von den Menschen boshaft erfundene Religionsübung den Sterblichen zugezogen. Bin ich nicht selbst Einer von Denen, welche von solchen Betrügern überlistet worden und sich ihnen glaubensvoll ergeben? Ich spreche aus Erfahrung. [...]".

S. 45: "Es gibt Keinen, der sich nicht für fromm, mitleidig, Wahrheits= und Gerechtigkeits=liebend ausgäbe. Ihr redet also, wenn ihr von euch Solches ausposaunt, entweder falsch, oder schiebt die Schuld fälschlich auf die menschliche Schlechtigkeit, die ihr mit euern Fratzen und erdichteten Schrecknissen heilen wollt: beleidigend gegen Gott, den ihr den Blicken der Menschen als den blutgierigsten Henker und entsetzlichsten Quäler vorführt; beleidigend gegen die Menschen, die ihr zu den so bejammernswerthen elenden Verhältnissen geboren vorgebt, als wenn das Elend noch nicht hinreichte, das einem Jeden im Leben trifft".

 

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