Karl Jaspers: "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte", München / Zürich: Piper & Co. Verlag 1949

mit Bezug zu: Grenzbegriffe "Indien", "Orient" (Karl Jaspers: "Über das Tragische", München: Piper 1952, S. 19: "Das Nurtragische ist geeignet, zur Verschleierung des Nichts zu dienen"), "Nominalismusproblem", "Sacred Books of the East", "Abgrund" "seiner Grenzen bewußt" ⇆ Drang "auf Befreiung und Erlösung" → Samuel Salzborn ("Rückkehr der Notwendigkeit zur Abspaltung und Projektion [...] Ritual der Entlastung aus der paranoid-schizoiden Position"), Buenos Aires: Sur (Karl Jaspers: "Leonardo [da Vinci] como filósofo", 1956; "Esencia y formas de lo trágico", 1960; "Autobiografía filosófica", 1964; "Los grandes filósofos", 1965; "La desmitologización del Nuevo Testamento. Una polémica", 1968), Paris: Minuit (Karl Jaspers: "Strindberg et van Gogh. Swedenborg - Hölderlin. Étude psychiatrique comparative", 1953), Torino: Einaudi (Karl Jaspers: "La mia filosofia", 1948), Berlin: Merve (Karl Jaspers: "[August] Strindberg und [Vincent] van Gogh. Versuch einer vergleichenden pathographischen Analyse", 1998), Berlin: Springer (Karl Jaspers: "Psychologie der Weltanschauungen", 1919*; "Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens", 1936; "Descartes und die Philosophie", 1937), Berlin / Leipzig: Walter de Gruyter Verlag (Karl Jaspers: "Die geistige Sitution der Zeit", 1931; "Existenzphilosophie. Drei Vorlesungen", 1938), Hameln: Verlag der Bücherstube Fritz Seifert (Karl Jaspers: "Nietzsche und das Christentum", [1938]), Heidelberg: Lambert Schneider (Karl Jaspers: "Die Schuldfrage", 1946)**, München: Piper ("Die Frage der Entmythologisierung", 1956; "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen", 1957; "Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung", 1962; "Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen, Gefahren, Chancen", 1966); "Zur Kritik meiner Schrift 'Wohin treibt die Bundesrepublik?', 1967; [aus dem Nachlass] "Notizen zu Martin Heidegger", 1978), "Achsenzeit" ⇆ Artur Danto: "History tells stories" ("Analytical Philosophy of History", Cambridge University Press 1965, p. 111; Frankfurt: Suhrkamp 1974)

 

Karl Jaspers: "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte", München / Zürich: Piper & Co. Verlag 1949, S. 19f.:

"Eine Achse der Weltgeschichte, falls es sie gibt, wäre empirisch als ein Tatbestand zu finden, der als solcher für alle Menschen, auch die Christen, gültig sein kann. Diese Achse wäre dort, wo geboren wurde, was seitdem der Mensch sein kann, wo die überwältigendste Fruchtbarkeit in der Gestaltung des Menschseins geschehen ist in einer Weise, die für das Abendland und Asien und alle Menschen, ohne den Maßstab eines bestimmten Glaubensinhalts, wenn nicht empirisch zwingend und einsehbar, doch aber auf Grund empirischer Einsicht überzeugend sein könnte, derart, daß für alle Völker ein gemein- samer Rahmen geschichtlichen Selbstverständnisses erwachsen würde. Diese Achse der Weltgeschichte scheint nun rund um 500 vor Christus zu liegen, in dem zwischen 800 und 200 stattfindenden geistigen Prozeß. Dort liegt der tiefste Einschnitt der Geschichte. Es entstand der Mensch, mit dem wir bis heute leben. Diese Zeit sei in Kürze die 'Achsenzeit' genannt".

In dieser Zeit drängt sich Außerordentliches zusammen. In China lebten Konfuzius und Laotse, entstanden alle Richtungen der chinesischen Philosophie, dachten Mo-Ti, Tschuang-Tse, Lie-Tse und ungezählte andere, — in Indien entstanden die Upanischaden, lebte Buddha, wurden alle philosophischen Möglichkeiten bis zur Skepsis und bis zum Materialismus, bis zur Sophistik und zum Nihilismus, wie in China, entwickelt, in Iran lehrte Zarathustra das fordernde Weltbild des Kampfes zwischen Gut und Böse, — in Palästina traten die Propheten auf von Elias über Jesaias und Jeremias bis zu Deuterojesaias, — Griechenland sah Homer, die Philosophen — Parmenides, Heraklit, Plato — und die Tragiker, Thukydides und Archimedes. Alles, was durch solche Namen nur angedeutet ist, erwuchs in diesen wenigen Jahrhunderten annähernd gleichzeitig in China, Indien und dem Abendland, ohne daß sie gegenseitig voneinander wußten.

Das Neue dieses Zeitalters ist in allen drei Welten, daß der Mensch sich des Seins im Ganzen, seiner selbst und seiner Grenzen bewußt wird. Er erfährt die Furchtbarkeit der Welt und die eigene Ohnmacht. Er stellt radikale Fragen. Er drängt vor dem Abgrund auf Befreiung und Erlösung. Indem er mit Bewußtsein seine Grenzen erfaßt, steckt er sich die höchsten Ziele. Er erfährt die Unbedingtheit in der Tiefe des Selbstseins und in der Klarheit der Transzendenz.

Das geschah in Reflexion. Bewußtheit machte noch einmal das Bewußtsein bewußt, das Denken richtete sich auf das Denken. Es erwuchsen geistige Kämpfe mit den Versuchen, den Andern zu überzeugen durch Mitteilung von Gedanken, Gründen, Erfahrungen. Es wurden die widersprechendsten Möglichkeiten versucht. Diskussion, Parteibildung, Zerspaltung des Geistigen, das sich doch im Gegensätzlichen aufeinander bezog, ließen Unruhe und Bewegung entstehen bis an den Rand des geistigen Chaos".

Abb./ Fig.: "Line art drawing of an axis. Archives of Pearson Scott Foresman, donated to the Wikimedia Foundation", ca. 2007, Public Domain (modified).

 

Karl Jaspers: "The Origin and Goal of History", transl. by Michael Bullock, New Haven: Yale University Press 1953, p. 1f.:

"An axis of world history, if such a thing exists, would have to be discovered empirically, as a fact capable of being accepted as such by all men, Christians included. This axis would be situated at the point in history which gave birth to everything which, since then, man has been able to be, the point most overwhelmingly fruitful in fashioning humanity; its character would have to be, if not empirically cogent and evident, yet so convincing to empirical insight as to give rise to a common frame of historical self-comprehension for all peoples - for the West, for Asia, and for all men on earth, without regard to particular articles of faith. It would seem that this axis of history is to be found in the period around 500 B.C., in the spiritual process that occurred between 800 and 200 B.C. It is there that we meet with the most deepcut dividing line in history. Man, as we know him today, came into being. For short we may style this the 'Axial Period'.

The most extraordinary events are concentrated in this period, Confucius and Lao-tse were living in China, all the schools of Chinese philosophy came into being, including those of Mo-ti, Chuang-tse, Lieh-tsu and a host of others; India produced the Upanishads and Buddha and, like China, ran the whole gamut of philosophical possibilities down to scepticism, to materialism, sophism and nihilism; in Iran Zarathustra taught a challenging view of the world as a struggle between good and evil; in Palestine the prophets made their appearance, from Elijah by way of Isaiah and Jeremiah to Deutero-Isaiah; Greece witnessed the appearance of Homer, of the philosophers - Parmenides, Heraclitus and Plato - of the tragedians, Thucydides and Archimedes. Everything implied by these names developed during these few centuries almost simultaneously in China, India, and the West, without any one of these regions knowing of the others.

What is new about this age, in all three areas of the world, is that man becomes conscious of Being as a whole, of himself and his limitations. He experiences the terror of the world and his own powerlessness. He asks radical questions. Face to face with the void he strives for liberation and redemption. By consciously recognising his limits he sets himself the highest goals. He experi- ences absoluteness in the depths of selfhood and in the lucidity of transcendence.

All this took place in reflection. Consciousness became once more conscious of itself, thinking became its own object. Spiritual conflicts arose, accompanied by attempts to convince others through the communication of thoughts, reasons and experiences. The most contradictory possibilities were essayed. Discussion, the formation of parties and the division of the spiritual realm into opposites which nonetheless remained related to one another, created unrest and movement to the very brink of spiritual chaos".

 

[ Anmerkungen. annotations. remarques. notes ]

* "Psychologie der Weltanschauungen", Berlin: Springer 1919, "Einleitung", "§3. Systematische Grundgedanken"

1. "Allgemeines: Das äußere Verfahren beim Versuch zu ordnen", 2. "Grundgedanke der Subjekt-Objekt-Beziehung", 3. "Erlebnisstrom. Subjekt-Objekt-Spaltung und Mystik", 4. "Mögliche Mißverständnisse",

4.1 "Abstrakte Übersicht über die Vieldeutigkeit der Subjekt-Objekt-Beziehung"
4.1.1 "Unmittelbar, reflektiert, für uns",
4.1.2 "Das Einzelindividuum als ein Ausschnitt",
4.1.3 "Die Beweglichkeit der Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen zwei Unendlichkeiten",
4.1.4 "Das Gitterwerk der transzendentalen Formen",
4.1.5 "Die Kräfte (Ideen)"

** "Im Gefolge der Unterscheidung von vier Schuldbegriffen (kriminelle Schuld, politische Schuld, moralische Schuld, metaphysische Schuld) stellt er eine Reihe von differenzierenden Überlegungen über unterschiedliche Schuldanteile, Verantwortlichkeiten, Haftungen und Bestrafungen an [...]. Allerdings spricht sich Jaspers dagegen aus, für die moralische und metaphysische Schuld, die jeder für sich aufarbeiten muss, irgendeinen 'Richterstuhl in der Welt' anzuerkennen oder Forderungen nach der notwendigen moralischen Umkehr zu akzeptieren, 'wenn sie gleichsam als Leistung von außen fälschlich verlangt wird' ([Karl Jaspers: 'Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschlands', München / Zürich: Piper 1987, S. ] 28). Jaspers' Auffassung von menschlicher Würde zufolge muss diese Umkehr aus Eigeninitiative und nicht auf Druck von außen erfolgen" (Karl-Jaspers-Stiftung, Basel, gegründet 1973: Artikel "Die Schuldfrage", jaspers-stiftung.ch).

Felix Lieb: "Ein überschätztes Buch? Karl Jaspers und 'Die Schuldfrage'", in: "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte", Jahrgang 67, Heft, 4, München: Institut für Zeitgeschichte 2019, S. 565-591, [ ifz-muenchen.de ].

S. 569: "Für Karl Jaspers selbst war das Buch ein Versuch, seine persönlichen Erfahrungen während des Nationalsozialismus zu verarbeiten. Er begann unmittelbar nach Ende des Kriegs wieder, akademisch und publizistisch zu wirken, nachdem ihm dies während des Dritten Reichs verwehrt worden war. Bereits 1933 wurde ihm im Zuge der „Gleichschaltung“ der Universitäten jede Mitwirkung an der Universitätsverwaltung in Heidelberg verboten, wo er seit 1916 als außerordentlicher Professor, später als Ordinarius der Philosophie lehrte. Zunächst hatte er dennoch nicht die Absicht, Deutschland zu verlassen, da er davon ausging, dass sich das neue Regime nicht lange halten werde. Warnungen aus seinem Umfeld, dass es zu einer Verfolgung und physischen Vernichtung der Juden kommen werde und davon letztlich auch seine jüdische Ehefrau Gertrud betroffen wäre, hielt er für übertrieben. Als die Heidelberger Universität 1935 komplett 'gleichgeschaltet' war, erkannte aber auch er den totalitären Charakter des Regimes, unter dem er selbst leiden sollte. 1937 wurde er vorzeitig in den Ruhestand versetzt, seit 1938 durfte er nicht mehr publizieren".

Ebenda, S. 591: "Die Überlegung, dass „Die Schuldfrage“ das Fundament für die westdeutsche politische Kultur und die Verbindung von Schuldeingeständnis, Wiedergutmachung und einem Bekenntnis zur Demokratie gelegt habe, sitzt aber nicht nur einem Trugschluss über die quantitative Rezeption des Buchs durch die Zeitgenossen auf. Vielmehr ist sie Resultat einer gleich doppelten Überbewertung der „Schuldfrage“. Richtig ist zwar, dass die Bundesrepublik ihre moralische wie auch politische Legitimität aus dem zumindest offiziell bekundeten Willen zog, Verantwortung für die Konsequenzen der NS-Herrschaft zu übernehmen und Wiedergutmachung an ihren Opfern zu leisten – Gedanken, die sich bereits bei Jaspers finden ließen. Doch genau diese Aspekte wurden zeitgenössisch kaum in den Blick genommen. Vielmehr speiste sich die positive Aufnahme von Jaspers’ Thesen in den ersten Jahren aus einer partiellen Wahrnehmung, die auf eine uneingeschränkte Zurückweisung der Kollektivschuldthese fokussiert war. Die Unterscheidung von vier Schuldbegriffen wurde so verstanden, dass die tatsächliche juristische Verantwortung für die NS-Verbrechen nur bei Hitler und den vermeintlich „echten“ Nationalsozialisten gelegen habe. Jaspers hatte, wenn auch in solcher Deutlichkeit nicht beabsichtigt, seiner Leserschaft nicht wenige Entlastungsargumente geliefert".

 

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